Stochastik
Kenngrößen der Binomialverteilung
Erwartungswert und Standardabweichung binomialverteilter Zufallsgrößen.
Benötigte Grundlagen
Diese Themen kommen in diesem Kapitel vor und wurden vorher schon erklärt. Wenn dir eines davon unsicher vorkommt, frisch es kurz auf, sonst leg direkt los.
Einführung
Wie viele Treffer erwartest du bei 100 Würfen mit einer fairen Münze? Natürlich etwa 50, aber wie stark schwankt das Ergebnis? Die Kenngrößen der , und Standardabweichung, beantworten beide Fragen mit erstaunlich einfachen Formeln. Sie sind das Tor zur beurteilenden Statistik.
Das kannst du nach diesem Kapitel
den berechnen und interpretieren.
die Standardabweichung bestimmen.
die Kenngrößen im Sachzusammenhang deuten.
grafisch interpretieren (Lage und Streuung).
Der Erwartungswert
Eine ist durch und vollständig festgelegt, aber das komplette Stabdiagramm ist unhandlich. Für einen schnellen Überblick genügen zwei Kennzahlen: Wo liegt der Schwerpunkt der Verteilung, und wie breit ist sie? Mit der ersten Frage beginnen wir.
Die Vermutung
Ein wird -mal geworfen. Wie viele Sechsen sind zu erwarten? Fast jeder antwortet spontan: , denn jeder sechste Wurf sollte eine Sechs sein, also .
Diese Intuition führt auf . Aber woher wissen wir, dass sie nicht bloß ein Bauchgefühl ist?
Die Herleitung: ein Versuch nach dem anderen
Beginnen wir mit dem einfachsten Fall: einem einzigen Versuch (). Die Trefferzahl kann dann nur oder sein.
Der ist der mit den gewichtete aller möglichen Werte (Klasse 10):
Ein einzelner Versuch liefert im Mittel genau Treffer. Das klingt zunächst merkwürdig. Man kann ja nie „ Treffer" haben. Der Erwartungswert ist aber kein möglicher Einzelausgang, sondern ein Durchschnitt auf lange Sicht.
Von einem Versuch auf Versuche
Eine besteht aus solchen Versuchen. Die Gesamttrefferzahl ist die Summe der Einzeltrefferzahlen:
Erwartungswerte addieren sich dabei. Das ist die Additivität aus dem Kapitel „Erwartungswert und Standardabweichung" (Klasse 10), dort anschaulich begründet: Wenn jeder Versuch im Mittel Treffer beiträgt, dann tragen Versuche im Mittel -mal so viel bei.
Damit ist die Intuition vom Anfang bestätigt, und zwar begründet: Sechsen.
Was der Erwartungswert nicht ist
Zwei verbreitete Fehldeutungen sind es wert, ausdrücklich angesprochen zu werden:
Er ist keine Garantie. Bei Würfen können auch oder Sechsen fallen. sagt nur, worum die Ergebnisse schwanken.
Er muss keine ganze Zahl sein. Bei Würfen und ist , ein Wert, den keine einzelne Versuchsreihe je annehmen kann. Man rundet ihn trotzdem nicht, denn als Durchschnittswert ist er exakt richtig.
Die Standardabweichung
Der sagt, wo die Verteilung liegt, aber nicht, wie stark die Ergebnisse darum schwanken. Und dieser Unterschied ist erheblich:
Bei Münzwürfen ist . Bei Würfen ist . In beiden Fällen liegt der Schwerpunkt „in der Mitte", aber im zweiten Fall wären Treffer völlig normal, während zusätzliche Treffer bei nur Würfen ein extremes Ergebnis wären. Wir brauchen also ein Maß für die Streuung.
Die Idee: mittlere quadratische Abweichung
Als Streuungsmaß nimmt man den der quadrierten Abweichungen vom Erwartungswert, die Varianz:
Warum quadriert? Ohne würden sich Abweichungen nach oben und unten gegenseitig aufheben, und man erhielte immer null. Das Quadrat macht alle Abweichungen positiv, derselbe Kunstgriff wie beim .
Herleitung für einen einzelnen Versuch
Wieder der Fall mit . Es gibt nur zwei mögliche Werte:
Jetzt klammern wir aus, beide Summanden enthalten es:
Und wieder auf Versuche übertragen
Wie die Erwartungswerte addieren sich bei unabhängigen Versuchen auch die Varianzen. Anders als beim Erwartungswert ist das kein Selbstläufer: Es gilt wirklich nur bei Unabhängigkeit, und der Nachweis übersteigt den Schulstoff, wir übernehmen diesen Satz deshalb als mitgeteiltes Ergebnis. Für Versuche gilt damit:
Die Varianz ist allerdings eine quadratische Größe und deshalb schwer zu deuten. Zieht man die , erhält man ein Maß in derselben Einheit wie die Trefferzahl selbst, die Standardabweichung:
Beispiel: , ergibt . Die meisten Ergebnisse liegen also etwa im Bereich .
Zwei Beobachtungen, die die Formel verständlich machen
Wann ist die Streuung am größten? Der Faktor ist als Funktion von eine nach unten geöffnete mit den und . Ihr Scheitel liegt genau dazwischen, bei .
Die Unsicherheit ist also maximal, wenn Treffer und Niete gleich wahrscheinlich sind. Dann ist am wenigsten vorhersehbar, was passiert. Bei nahe oder steht das Ergebnis dagegen praktisch fest, und geht gegen null.
Wie wächst die Streuung mit ? Wegen der Wurzel wächst nur mit , während mit wächst. Vervierfacht man die Versuchszahl, verdoppelt sich die absolute Streuung nur.
Die praktische Folge: Relativ zum Erwartungswert wird das Ergebnis mit wachsendem immer zuverlässiger. Deshalb sind große Stichproben aussagekräftiger als kleine.
für , : symmetrisch, weil Treffer und Niete gleich wahrscheinlich sind. Die gestrichelte Linie markiert den . Dort ist die Säule am höchsten. Der getönte Bereich zeigt mit : Die meisten Ergebnisse liegen in diesem Streifen.
Die Form der Verteilung: Einfluss von p
Das Bild oben (, ) zeigt: Ist , ist die Verteilung symmetrisch: Treffer und Niete sind gleich wahrscheinlich, das Stabdiagramm ist um spiegelsymmetrisch. Weicht von ab, wird die Verteilung schief: Bei kleinem (seltener Treffer) häufen sich niedrige -Werte, mit einem langen Auslaufen nach rechts (siehe Bild unten, , ).
für , aber jetzt : Die Verteilung ist schief (nicht mehr symmetrisch), der liegt nah am linken Rand, nach rechts läuft die Verteilung lang aus. Je weiter von entfernt ist, desto schiefer wird die Verteilung.
Die Form der Verteilung: Einfluss von n
Vergrößert man bei gleichem , wandert der nach rechts, und die Verteilung wird breiter und flacher, die einzelnen verteilen sich auf mehr mögliche Werte, die höchste Säule wird also niedriger, während die absolute Streuung wächst. Vergleiche das Bild unten () mit der ersten Verteilung oben (): gleiche Form, aber sichtbar breiter.
Gleiches , aber doppelt so viele Versuche (): Der wandert auf , und die Verteilung wird breiter und flacher (höchste Säule nur noch statt bei ), die absolute Streuung wächst mit .
Prüfe dich: Du siehst nur das Stabdiagramm einer Binomialverteilung. Woran erkennst du, ob p nahe 0,5 liegt, und woran, dass n groß ist?
An der Symmetrie, und an der Breite.
Der Einfluss von : Bei ist die Verteilung spiegelsymmetrisch um , denn Treffer und Niete sind gleich wahrscheinlich. Je weiter von abweicht, desto schiefer wird das Bild: Bei kleinem drängen sich die Säulen links nahe der , mit langem Auslaufen nach rechts, bei großem umgekehrt.
Der Einfluss von : Mit wachsendem wird die Verteilung breiter und flacher, die verteilt sich auf mehr Werte, die höchste Säule sinkt (in den Bildern oben von bei auf bei ), und die Streuung wächst.
Beides zusammen liest man in einem Blick: Die Lage des Gipfels verrät , die Symmetrie verrät , die Breite verrät , genau das meint „ein Stabdiagramm grafisch interpretieren".
Ausblick
und Standardabweichung sind die Grundlage für Prognose- und Konfidenzintervalle (Erweiterungskurs-Stoff) sowie die Sigma-Regeln. Schon im Grundkurs helfen sie, ein Ergebnis als „typisch" oder „auffällig" einzuordnen: Liegt ein gemessenes weit außerhalb von , ist das ein Hinweis, genauer hinzuschauen.
Kenngrößen berechnen
Ein wird 180-mal geworfen. = Anzahl der Sechsen. Berechne und Standardabweichung.
- 1
Zuerst prüfen: Ist ? Nur dann gelten die Formeln und .
- Zwei Ausgänge? Sechs oder keine Sechs ✓
- Konstantes ? Bei jedem Wurf ✓
- Unabhängig? Ein Wurf beeinflusst den nächsten nicht ✓
ist binomialverteilt mit und .
- 2
Schritt 1: Die Parameter notieren, samt Gegenwahrscheinlichkeit, die gleich gebraucht wird:
Mit dem Bruch rechnen, nicht mit . Der gerundete Dezimalwert würde die glatten Ergebnisse zerstören, die gleich entstehen.
- 3
Schritt 2: Den Erwartungswert berechnen.
Die Deutung gehört dazu: Bei Würfen fallen im Sechsen. Das entspricht der Erwartung, jeder sechste Wurf ist eine Sechs.
- 4
Schritt 3: Die Standardabweichung ansetzen.
Alle drei Faktoren gehören unter die Wurzel. Ein häufiger Fehler ist, nur zu radizieren und davor stehen zu lassen.
- 5
Schritt 4: Einsetzen und schrittweise ausrechnen.
Zuerst der Ausdruck unter der Wurzel, die ersten beiden Faktoren sind bereits bekannt ():
Ein glattes Ergebnis, ein gutes Zeichen dafür, dass die Aufgabe so gemeint war und nicht verrechnet wurde.
- 6
Schritt 5: Das Ergebnis deuten. Zahlen allein beantworten die Frage noch nicht vollständig:
Die Anzahl der Sechsen schwankt typischerweise im Bereich
Ergebnisse innerhalb dieses Bereichs sind unauffällig; deutlich außerhalb liegende Werte wären ein Hinweis darauf, dass mit dem Würfel etwas nicht stimmt.
- 7
Schritt 6: Plausibilität der Streuung. Ist eine vernünftige Größenordnung?
von erwarteten Sechsen sind etwa Schwankung, bei einem durchaus plausibel. Wäre größer als herausgekommen, müsste man stutzen.
Zusätzliche Kontrolle über die maximale Streuung: Am größten wäre bei , nämlich . Unser Wert liegt darunter ✓, passend dazu, dass deutlich von entfernt ist.
Sechsen im Mittel, .
Die Ergebnisse schwanken typischerweise zwischen und Sechsen.
Der Ablauf: Binomialverteilung prüfen → und notieren (mit rechnen) → → mit allen drei Faktoren unter der → Ergebnis als Bereich deuten.
Interpretation im Kontext
Eine Klausur hat 20 Ja/Nein-Fragen. Ein Schüler rät alle (). a) Wie viele richtige Antworten erwartet man? b) Wie stark streut das Ergebnis? c) Wären 15 richtige Antworten „auffällig"?
- 1
Was diese Aufgabe verlangt. Die Teile a) und b) sind reine Rechnungen. Teil c) fragt nach einer Bewertung, und dafür gibt es kein „richtig" oder „falsch" per Rechenweg, sondern nur ein begründetes Urteil.
Das Werkzeug für solche Urteile ist der Vergleich mit der Standardabweichung: Wie viele liegt ein Ergebnis vom entfernt?
Modellannahme: „Raten" bedeutet, dass jede Frage unabhängig mit beantwortet wird, der Schüler hat keinerlei Teilwissen.
- 2
Schritt 1 (Teil a): Der Erwartungswert.
Deutung: Wer bei Ja/Nein-Fragen rät, hat im Mittel richtig, genau die Hälfte. Das entspricht der Erwartung, denn bei jeder einzelnen Frage ist die Trefferchance .
- 3
Schritt 2 (Teil b): Die Standardabweichung.
Deutung: Die Ergebnisse schwanken typischerweise um gut zwei Punkte um den Erwartungswert, liegen also meist zwischen und , grob zwischen und richtigen Antworten.
- 4
Schritt 3 (Teil c): Den Abstand in Standardabweichungen messen. Das ist der entscheidende Denkschritt. Die Frage „ist viel?" lässt sich absolut nicht beantworten, nur im Verhältnis zur natürlichen Streuung.
Das Ergebnis liegt also etwa Standardabweichungen über dem Erwartungswert.
- 5
Schritt 4: Den Wert einordnen. Als Faustregel gilt bei glockenförmigen Verteilungen:
Abstand von Anteil der Ergebnisse innerhalb etwa innerhalb etwa innerhalb etwa Ein Abstand von liegt außerhalb des -Bereichs. Solche Ergebnisse treten beim reinen Raten in weniger als der Fälle auf, und da nur die Abweichung nach oben interessiert, sogar in weniger als der Hälfte davon.
- 6
Schritt 5: Das Urteil begründet formulieren.
Ja, richtige Antworten wären auffällig. Ein solches Ergebnis ist durch reines Raten zwar möglich, aber unwahrscheinlich. Die naheliegendere Erklärung ist, dass der Schüler zumindest teilweise über Wissen verfügte.
Sprachlich sorgfältig bleiben: „Auffällig" heißt nicht „unmöglich". Statistik kann Raten nicht ausschließen. Sie kann nur sagen, wie gut es zu den Daten passt.
- 7
Schritt 6: Die Gegenprobe mit der Bernoulli-Formel. Wie unwahrscheinlich ist genau? Mit der Formel aus dem vorigen Kapitel:
Also nur etwa für genau Richtige. Zählt man auch die noch besseren Ergebnisse ( bis ) hinzu, kommt man auf rund .
Beide Wege stimmen überein: Die -Abschätzung sagte „unter ", die genaue Rechnung liefert etwa ✓
- 8
Schritt 7: Ein Blick auf die Grenzen des Urteils. Wo läge die Schwelle?
Der -Bereich reicht bis , also bis richtige Antworten. Ergebnisse bis gelten damit als unauffällig, ab als auffällig.
Diese Schwelle ist eine Vereinbarung, kein Naturgesetz. In der Wissenschaft wird sie je nach Fachgebiet unterschiedlich streng gesetzt. Wichtig ist, sie vor dem Blick auf die Daten festzulegen, sonst sucht man sich hinterher die Grenze, die zum gewünschten Ergebnis passt.
a) richtige Antworten · b) · c) Ja, auffällig: liegt etwa Standardabweichungen über dem Erwartungswert; reines Raten liefert ein so gutes Ergebnis nur in rund der Fälle.
Zum Mitnehmen: Ob ein Ergebnis „viel" ist, entscheidet nicht der absolute Abstand zu , sondern der Abstand in Standardabweichungen. Innerhalb von ist unauffällig, außerhalb wird es begründungsbedürftig.
Typischer Fehler
Standardabweichung für , : „."
Die wurde vergessen! , nicht 25. Der Wert 25 ist die Varianz . Verwechslung von Varianz und Standardabweichung ist der häufigste Fehler: Die Standardabweichung hat dieselbe Einheit wie die Zufallsgröße (Trefferzahl), die Varianz ihr . Immer die Wurzel ziehen!
Übung 1
leichtist mit , . Berechne und .
Tipp anzeigen
, .
Lösung anzeigen
Detaillierte Schritterklärung anzeigen
Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
Erwartungswert μ = n·p
.
- 2
Standardabweichung σ = √(n·p·q)
.
- 3
Beide Kenngrößen deuten
Typische Ergebnisse liegen im Bereich , also grob zwischen 7 und 13 Treffern.
Übung 2
mittelEine Fluggesellschaft: der gebuchten Passagiere erscheinen nicht. Bei 300 Buchungen: a) Wie viele No-Shows erwartet man? b) Wie groß ist die Standardabweichung?
Tipp anzeigen
, .
Lösung anzeigen
a) No-Shows im Mittel.
b)
Detaillierte Schritterklärung anzeigen
Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
a) Modell und Erwartungswert
No-Shows als : , . Erwartung: No-Shows.
- 2
b) Standardabweichung
.
Zwischenergebnis
- 3
Die Zahlen im Geschäftsmodell
Typischer Bereich: , also etwa 9 bis 15 No-Shows. Wer z. B. 8 Plätze überbucht, riskiert nur in seltenen Fällen (No-Shows unter 8) einen überfüllten Flieger.
Übung 3
schwerEine Zufallsgröße ist mit . Der beträgt . a) Bestimme . b) Berechne . c) In welchem Bereich liegen die „typischen" Ergebnisse?
Tipp anzeigen
a) nach auflösen.
Lösung anzeigen
a) .
b) .
c) , also etwa von 91 bis 109 liegen die typischen Ergebnisse.
Detaillierte Schritterklärung anzeigen
Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
a) p aus dem Erwartungswert
: .
- 2
b) σ berechnen
.
- 3
c) Den typischen Bereich angeben
: Die typischen Ergebnisse liegen etwa zwischen 91 und 109.
Zusammenfassung
Die hat zwei einfache Kenngrößen: (die typische Trefferzahl) und Standardabweichung (die typische Streuung). Die Varianz ist ihr , die nie vergessen! Diese Größen zentrieren und „vermessen" die glockenförmige Verteilung und bilden die Grundlage der beurteilenden Statistik.


