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Selbstinduktion

SchulversuchMagnetismus / ElektromagnetismusKlasse 11Fortgeschritten

Worum geht es?

wirkt auch auf den eigenen . Ändert sich der Strom durch eine , ändert sich ihr eigenes , und das induziert in ihr selbst eine Gegenspannung: Selbstinduktion. Die Folgen sind messbar: Der Strom baut sich beim Einschalten nur allmählich auf (Zeitkonstante τ=L/R\tau = L/R), beim Abschalten treibt die zusammenbrechende Feldenergie einen Spannungsstoß, und an Wechselspannung wird die permanente Gegenwirkung zur Reaktanz XL=2πfLX_L = 2\pi f L.

Warum macht man dieses Experiment?

Die Selbstinduktion macht die zum Gegenspieler des Kondensators und komplettiert damit das Bauteiltrio der Wechselstromtechnik: Filter, , Drosseln, Zündspulen und Schaltnetzteile beruhen auf ihr. Und sie hat eine handfeste Gefahrenseite. Der Abschalt-Spannungsstoß zerstört ungeschützte Schalter und Elektronik; wer ihn einmal als Glimmlampen-Blitz gesehen hat, versteht Freilaufdioden.

Die physikalische Idee

Drei Teilversuche an einer mit hoher Induktivität (Eisenkern): (1) Zwei Lampenzweige (Spule gegen Widerstand) zeigen die Einschaltverzögerung im direkten Vergleich. (2) Eine parallele Glimmlampe macht den Ausschaltstoß sichtbar, der die Quellenspannung weit übertrifft. (3) Am Funktionsgenerator wird der Wechselstrom durch die Spule frequenzabhängig gemessen: die Reaktanz.

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

Wissenschaftliche Einordnung

Joseph Henry beobachtete die Selbstinduktion 1832 an Funken beim Öffnen von Spulenkreisen; die Einheit der Induktivität trägt seinen Namen. Zündspulen nutzen den Ausschaltstoß seit über hundert Jahren zur Funkenerzeugung im Motor.

Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Spule im Wechselstromkreis

Untersuche die an Wechselspannung: die frequenzabhängige Reaktanz XL=2πfLX_L = 2\pi f L, die 90∘90^\circ-Nacheilung des Stroms und der Systemvergleich zum Gleichstromverhalten (Auftrag §7).

Gemessen

  • — Effektivwert des Stroms (in )

    Je Frequenz gemessen; sein Abfall mit f ist der Kernbefund.

  • — Effektivwert der Spannung (in )

    Konstant gehalten, damit die Frequenz als einzige Variable bleibt.

Bekannt

  • — Frequenz (in )

    Am Funktionsgenerator eingestellt.

Berechnet

  • — Induktive Reaktanz (in )

    XL=Ueff/IeffX_L = U_\mathrm{eff}/I_\mathrm{eff} je Frequenz; Vergleich mit 2πfL2\pi f L.

Der Weg von der Messung zum Ergebnis:

Für diese Zielsetzung brauchst du:

  • Die Reaktanz der idealen Spule: wächst mit Frequenz und Induktivität, das exakte Gegenstück zur Kondensator-Reaktanz.Zur Formelsammlung

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Betreibe die 1-H-Spule an Ueff=6,0 VU_\mathrm{eff} = 6{,}0\ \mathrm{V} bei 2525, 5050, 100100 und 200 Hz200\ \mathrm{Hz}; miss jeweils IeffI_\mathrm{eff} und berechne XLX_L. Beobachte zusätzlich die Phasenlage von u und i und vergleiche das Gesamtverhalten mit dem Gleichstromfall.

2Vorbetrachtung

Von der Trägheit zur Reaktanz: An Wechselspannung kommt die nie in den Dauerzustand: Der Strom soll sich ständig ändern, und gegen jede Änderung stemmt sich die Selbstinduktion. Je höher die , desto schnellere Änderungen verlangt die Quelle, desto stärker die Gegenwirkung: Der Strom muss mit wachsender Frequenz sinken. Quantitativ: XL=2πfLX_L = 2\pi f L, für 1 H1\ \mathrm{H} bei 50 Hz50\ \mathrm{Hz} also rund 314 Ω314\ \Omega, obwohl der Draht selbst nur wenige Ohm hat.

Phase: Der Strom hinkt der um 90∘90^\circ nach. Die Spannung muss erst „anschieben“, bevor der träge Strom folgt: das exakte Spiegelbild des Kondensators (dort eilt der Strom voraus).

Abgrenzung wie beim : XLX_L ist Reaktanz, kein : keine bleibende Erwärmung durch XLX_L (die Feldenergie pendelt verlustfrei), volle Frequenzabhängigkeit.

Spule an Wechselspannung

Simulation — berechnete Werte, keine Messung
Deine Aufgabe: Verdopple die Frequenz und beobachte den Strom-Scheitel: Wird er größer oder kleiner? Vergleiche mit dem Kondensator, dort war es genau umgekehrt. Achte im Diagramm darauf, dass der Strom der Spannung eine Viertelperiode hinterherläuft.
0255075100-12-60612Zeit t in msSpannung u in V
Spannung u(t)
Rückstand: T/4 (90°)0255075100-25-12,5012,525Zeit t in msStrom i in mA
Stromstärke i(t) — läuft der Spannung hinterher

Wechselstromwiderstand X_L

314 Ω

X_L bei doppelter Frequenz

628 Ω

Die Spule bremst Wechselstrom umso stärker, je schneller die Spannung wechselt: Bei f = 50 Hz beträgt ihr Wechselstromwiderstand X_L = 314 Ω, bei doppelter Frequenz 628 Ω. Je schneller sich der Strom ändern müsste, desto stärker wirkt die Selbstinduktion dagegen — genau umgekehrt zum Kondensator.

Die Spule an Wechselspannung: Der Strom eilt um 90∘90^\circ (eine Viertelperiode) nach. Verdopple die Frequenz und verfolge die Reaktanz-Anzeige: Sie verdoppelt sich, spiegelbildlich zum Kondensator.

3Geräte / Stoffe

Funktionsgenerator, Luftspule, AC-Messgeräte, Oszilloskop. Der Drahtwiderstand der (einige Ohm) ist gegen die Reaktanzen der Messreihe vernachlässigbar; bei 25 Hz ist er die größte Fehlerquelle.

  • Spule mit Eisenkern (hohe Induktivität, z. B. 5 H)

    Das untersuchte Bauteil: Die große Induktivität macht alle Effekte augenfällig.

  • Zwei baugleiche Glühlampen und Vergleichswiderstand

    Der Parallelzweig-Vergleich macht die Einschaltverzögerung als Helligkeits-Wettrennen sichtbar.

  • Glimmlampe

    Zündet erst bei etwa 90 V: der Detektor für den Ausschalt-Spannungsstoß.

  • Funktionsgenerator und AC-Messgeräte

    Für die frequenzabhängige Reaktanz-Messreihe.

  • Luftspule bekannter Induktivität (z. B. 1 H)

    Für die quantitative Reihe (die Eisenkern-Induktivität wäre aussteuerungsabhängig).

  • Zweikanal-Oszilloskop mit Messwiderstand

    Für die Phasenbeobachtung.

4Skizze des Versuchsaufbaus

Messschaltung wie bei der Kondensator-AC-Reihe, mit als Prüfling; daneben die erwartete X_L(f)-Gerade durch den Ursprung als Vorzeichnung.

Spule einschalten (Gleichspannung)

Simulation — berechnete Werte, keine Messung
Deine Aufgabe: Starte den Einschaltvorgang: Der Strom springt nicht, er baut sich allmählich auf, während die Selbstinduktionsspannung abklingt. Verändere danach L — die Achsen bleiben gleich, und du siehst direkt: Größere Induktivität, trägerer Anstieg.
U₀RLMagnetfeldStromrichtung
63 % des Endwerts bei t = τ = 100 ms00,511,5203006009001.200Zeit t in sStrom i in mA
Stromstärke i(t) — baut sich allmählich auf
00,511,52036912Zeit t in sSpannung u_L in V
Selbstinduktionsspannung u_L(t) — anfangs maximal, klingt ab

Zeitkonstante τ = L/R

0,1 s

Endwert I = U₀/R

180 mA

i im Moment

0 mA

Die Spule wehrt sich gegen jede Stromänderung: Ihre Selbstinduktionsspannung ist beim Einschalten am größten und lässt den Strom nur allmählich wachsen. Nach τ = L/R = 0,1 s sind 63 % des Endwerts (180 mA) erreicht, nach etwa 5τ fließt der volle Strom — dann wirkt die Spule wie ein einfacher Draht.

Der Einschaltvorgang im Zeitraffer: Der Strom folgt der e-Funktion mit τ=L/R\tau = L/R, während die Selbstinduktionsspannung vom Startwert abklingt. Verändere L und R: Die Trägheit wächst mit der Induktivität und sinkt mit dem Widerstand.

Aufbau: mit hoher Windungszahl auf geschlossenem Eisenkern (Induktivität einige Henry), baugleiche Glühlampen, verstellbarer Vergleichswiderstand, Glimmlampe (Zündspannung um 90 V), Gleichspannungsquelle mit Schalter, Funktionsgenerator und AC-Messgeräte für Teil 3.

5Durchführung

Schritt 1 (DC-Referenz): kurz an 6 V6\ \mathrm{V} DC, den Strom im Dauerzustand notieren (nur der Drahtwiderstand begrenzt; Vorsicht, kurz messen).

Schritt 2: AC-Reihe: je Ueff=6,0 VU_\mathrm{eff} = 6{,}0\ \mathrm{V} einstellen, IeffI_\mathrm{eff} messen.

Schritt 3: Bei 50 Hz beide Oszilloskopkanäle vergleichen: Wo liegen die Strom-Nulldurchgänge relativ zur ?

6Beobachtung

Messreihe an der 1-H-Luftspule bei Ueff=6,0 VU_\mathrm{eff} = 6{,}0\ \mathrm{V}
ff in Hz\mathrm{Hz}IeffI_\mathrm{eff} in mA\mathrm{mA}XL=U/IX_L = U/I in Ω\Omega
2538,2157
5019,1314
1009,5628
2004,81257

Beispieldaten zur Veranschaulichung — keine echten Messwerte.

DC-Referenz: Der Dauerstrom wird nur vom Drahtwiderstand (wenige Ohm) begrenzt und ist um Größenordnungen höher. Oszilloskop: Die Strom-Scheitel folgen den Spannungs-Scheiteln um eine Viertelperiode nach.

7Auswertung

Frequenzabhängigkeit: Jede Verdopplung von ff verdoppelt XLX_L (157→314→628→1257 Ω157 \to 314 \to 628 \to 1257\ \Omega): die lineare Frequenzabhängigkeit, exakt spiegelbildlich zum . Auch absolut passt es: 2π⋅50⋅1 Ω=314 Ω2\pi \cdot 50 \cdot 1\ \Omega = 314\ \Omega.

Der Systemvergleich (Auftrag §7): An DC ist die nach dem Einschwingen fast ein Kurzschluss (nur Drahtwiderstand); an AC sperrt sie umso mehr, je höher die . Der Kondensator macht es genau umgekehrt (DC-Sperre, AC-Durchlass wachsend mit f). Zusammen sind die beiden das komplementäre Filterpaar der Elektronik: Die Spule lässt Tiefes passieren (Tiefpass), der Kondensator Hohes.

Phase: Die beobachtete 90∘90^\circ-Nacheilung komplettiert das Bild: Widerstand 0∘0^\circ, Kondensator +90∘+90^\circ, Spule −90∘-90^\circ. Die drei Grundbauteile decken die drei Phasenlagen ab.

8Fazit

Die zeigt an Wechselspannung die frequenzproportionale Reaktanz XL=2πfLX_L = 2\pi f L (gemessen 157 bis 1257 Ω) mit um 90∘90^\circ nacheilendem Strom, während sie an Gleichstrom im Dauerzustand nur ihren Drahtwiderstand zeigt: das exakte Gegenstück zum .

9Fehlerbetrachtung

Die Reihe erbt die AC-Messfehler der Kondensatormessung; spulenspezifisch kommt der Drahtwiderstand hinzu:

Drahtwiderstand der Spuleeher systematisch

Ursache

Die reale ist eine Reihenschaltung aus RDrahtR_\mathrm{Draht} und LL.

Auswirkung

Bei kleiner (25 Hz), wo XLX_L am kleinsten ist, verfälscht RDrahtR_\mathrm{Draht} den Quotienten am stärksten: Der gemessene Wert liegt leicht über 2πfL2\pi f L.

Verbesserung

RDrahtR_\mathrm{Draht} per DC-Messung bestimmen und rechnerisch berücksichtigen (XL=Z2−R2X_L = \sqrt{Z^2 - R^2}) oder die Reihe bei höheren führen.

Frequenzgrenzen der AC-Multimetereher systematisch

Ursache

Einfache Geräte messen oberhalb einiger hundert Hertz ungenau.

Auswirkung

Der 200-Hz-Punkt trägt die größte Geräteunsicherheit.

Verbesserung

Bereichsangaben prüfen, Scheitelwerte am Oszilloskop gegenkontrollieren.

Nicht sinusförmige Generatorspannungeher systematisch

Ursache

Oberschwingungen hoher in verzerrter Kurvenform.

Auswirkung

Die unterdrückt hohe . Anders als beim wird hier zu wenig Strom gemessen, und XLX_L erscheint zu groß.

Verbesserung

Saubere Sinusform am Oszilloskop verifizieren.

Das Wichtigste

Das Prinzip

Die bei jeder Änderung ihres eigenen Stroms eine Gegenspannung: Uind=−L⋅ΔIΔtU_\mathrm{ind} = -L \cdot \tfrac{\Delta I}{\Delta t}. Die Induktivität LL (Einheit Henry) misst diese Selbst-Trägheit.

Einschalten

Der Strom springt nicht, sondern wächst mit τ=L/R\tau = L/R zum Endwert U0/RU_0/R: erst dann wirkt nur noch der Drahtwiderstand.

Ausschalten

Die Feldenergie E=12LI2E = \tfrac{1}{2} L I^2 muss beim Abschalten irgendwohin: Sehr schnelle Stromänderung erzeugt einen Spannungsstoß weit über der Quellenspannung (Funken, Glimmlampenblitz).

Wechselstrom

Die permanente Gegenwirkung wird zur Reaktanz XL=2πfLX_L = 2\pi f L: wächst mit der (Gegenstück zum ), Strom eilt der um 90∘90^\circ nach.

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