Zum Inhalt springen
Zurück zu den Experimenten

Strahlung: Abstand und Abschirmung

SchulversuchAtom- und KernphysikKlasse 10Standard

Worum geht es?

Wie schützt man sich vor ionisierender Strahlung? Die Antwort steckt in zwei Gesetzen und einer Sortierung. Die Intensität fällt mit dem Abstandsquadrat (∼1/r2\sim 1/r^2). Die drei Strahlungsarten α, β und γ unterscheiden sich radikal in ihrer Durchdringungsfähigkeit (Papier / Aluminium / Blei). Und selbst dickes Material schwächt γ-Strahlung nur exponentiell: je Halbwertsdicke die Hälfte, aber nie auf null.

Warum macht man dieses Experiment?

Abstand halten, abschirmen, Aufenthaltsdauer begrenzen: Die A-Regeln des Strahlenschutzes werden hier von Faustregeln zu selbst gemessenen Gesetzen. Wer das 1/r²-Gesetz und die Halbwertsdicke einmal im eigenen Protokoll stehen hat, versteht, warum Abstand der billigste Schutz ist und warum „hinter Blei“ nicht „sicher“, sondern „halbiert“ bedeutet. Der Absorber-Vergleich ist außerdem das Standardverfahren, um Strahlungsarten überhaupt zu identifizieren; das Zählrohr allein kann das nicht.

Die physikalische Idee

Drei Messreihen mit Zählrohr und Schulpräparat. (1) Zählrate bei 5, 10, 20 und 40 cm: Test auf das Quadratgesetz über den Produkttest n⋅r2n \cdot r^2. (2) Absorber-Treppe Papier/Aluminium/Blei vor einem Mischstrahler: Jede Stufe schält eine Strahlungsart ab. (3) Bleiplatten zentimeterweise stapeln: Die γ-Schwächung folgt einer Halbierungskaskade, formal demselben Gesetz wie die .

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

Wissenschaftliche Einordnung

Die Absorber-Sortierung ist historisch die Geburtsstunde der Namen: Rutherford unterschied 1899 „leicht absorbierbare“ (α) und „durchdringende“ (β) Strahlung schlicht per Folienstapel, Villard fand 1900 die noch härtere γ-Komponente. Dass Marie Curie ihre Proben in der Kitteltasche trug, macht die hier gemessenen Gesetze zum Vermächtnis: Der Strahlenschutz lernte aus den Opfern seiner Pioniere.

Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Die Halbwertsdicke: γ wird nur halbiert

Untersuche die Schwächung der γ-Strahlung durch wachsende Bleidicke und bestimme die Halbwertsdicke.

Gesucht

  • — Halbwertsdicke (in )

    Die Dicke, die die Rate halbiert: die Kennzahl der Abschirmung.

Gemessen

  • — Bleidicke (in )

    Plattenweise gestapelt: die unabhängige Größe.

  • — korrigierte γ-Zählrate (in )

    Hinter dem Alu-Vorfilter (β weg): nur der γ-Anteil.

Der Weg von der Messung zum Ergebnis:

Für diese Zielsetzung brauchst du:

  • Das exponentielle Schwächungsgesetz, formal identisch mit dem Zerfallsgesetz. Die Dicke spielt die Rolle der Zeit.Zur Formelsammlung

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Miss die γ-Rate (Alu-Vorfilter fest) bei 0, 1, 2, 3 und 4 cm Blei, prüfe den Halbierungs-Charakter und lies die Halbwertsdicke ab.

2Vorbetrachtung

Warum γ nicht einfach „steckenbleibt“: α und β verlieren ihre in vielen kleinen Ionisations-Raten; nach einer festen Strecke ist Schluss, sie haben eine Reichweite. Ein γ-Quant dagegen fliegt unbehelligt, bis es in einem einzigen Ereignis absorbiert oder gestreut wird, ein reines Zufallsspiel pro Wegstück. Jede Bleischicht nimmt daher denselben Bruchteil heraus, nie einen festen Betrag. Gleiche Schicht, gleicher Faktor: Das ist das Kennzeichen des Exponentialgesetzes, dieselbe Mathematik wie beim Würfel-Zerfall (Halbwertszeit-Experiment). Dort würfelt die Zeit, hier die Dicke.

Die Prüfstrategie: Wenn jede Platte halbiert, muss die Ratenfolge eine Halbierungskaskade sein und der Quotient benachbarter Zeilen konstant ½ betragen.

3Geräte / Stoffe

Die Bleiplatten direkt vor dem Rohr stapeln und die Geometrie sonst unverändert lassen. Bei dicken Stapeln länger messen, denn die Raten werden klein und die Statistik dünn.

  • GM-Zählrohr auf Skalenschiene

    Zählt bei definierten Abständen, die Basis beider Gesetze.

  • Schulpräparat (Mischstrahler)

    Definierte Quelle: Uranglasur oder Lehrmittelpräparat mit α-, β- und γ-Anteil.

  • Absorbersatz Papier/Alu/Blei

    Die Sortiermaschine: Jede Stufe filtert eine Strahlungsart heraus.

  • Nullraten-Wert des Platzes

    Wird von jeder Rate abgezogen, sonst verbiegen sich beide Gesetze.

  • 4 mm Aluminium als Vorfilter

    Nimmt β heraus: Gemessen wird die reine γ-Schwächung.

4Skizze des Versuchsaufbaus

Quelle, Alu-Vorfilter, wachsender Bleistapel, Rohr; daneben die Treppenkurve der Halbierungen mit d½ markiert.

Wie weit die drei Strahlungsarten kommenDasselbe Präparat links, drei verschiedene Hindernisse.PräparatBlattPapier3 mmAluminium5 cmBleiαβγα: Heliumkerneβ: Elektronenγ: WelleGrößere Reichweite heißt schwächere Wirkung je Zentimeter

Die Durchdringungs-Steckbriefe: α scheitert am Papier, β am Millimeter-Aluminium, γ wird selbst von Blei nur geschwächt. Der Absorber-Vergleich ist das Erkennungsverfahren der drei Arten.

Doppelter Abstand heißt ein Viertel, nicht die HälfteDieselbe Strahlung auf immer größerer Fläche.Quelle1 m100 %2 m25 %3 m11,1 %4 m6,3 %Dosis ~ 1 / r²100 % · 25 % · 11,1 % · 6,3 %, jeder Schritt zählt mehr.Ein Meter Abstand ersetzt eine dicke Abschirmung

Das Abstandsquadratgesetz: Doppelter Abstand bedeutet ein Viertel, dreifacher ein Neuntel. Die Kugelflächen-Geometrie verdünnt den Teilchenstrom quadratisch.

Aufbau: GM-Zählrohr mit Zählgerät und Stoppuhr auf Schiene mit Zentimeterskala, Schulpräparat im Halter (Handhabung nur durch die Lehrkraft), Absorbersatz (Papierblatt, Aluminiumbleche 1-4 mm, Bleiplatten 1 cm), Nullrate des Platzes aus dem Zählrohr-Experiment (17/min).

5Durchführung

Für jede Dicke 2 min zählen (ab 3 cm besser 4 min) und die Nullrate abziehen. Dann die Quotienten benachbarter Raten bilden und d½ aus der Kaskade ablesen.

6Beobachtung

γ-Schwächung durch Blei (Alu-Vorfilter, Nullrate abgezogen)
dd in cm\mathrm{cm}nn in 1/min\mathrm{1/min}Quotient zur Vorzeile
0800—
14000,50
22000,50
31000,50
4500,50

Beispieldaten zur Veranschaulichung — keine echten Messwerte.

7Auswertung

Die Halbierungskaskade steht: Jeder Zentimeter Blei halbiert, also d1/2=1 cmd_{1/2} = 1\ \mathrm{cm} für die γ-Energie dieses Präparats. Härtere γ-Strahlung hätte größere Halbwertsdicken; die Kennzahl gehört zur Strahlung, nicht zum Blei allein. Vier Zentimeter bringen den Faktor 16, aber eben nie null. Nach 10 cm blieben rechnerisch noch 800/210≈0,8800/2^{10} \approx 0{,}8 pro Minute. Abschirmung ist immer eine Faktor-Rechnung: „Wie viel weniger?“ ist die richtige Frage, „weg?“ die falsche.

Die formale Verwandtschaft als Erkenntnis: n(d)=n0⋅(12)d/d1/2n(d) = n_0 \cdot (\tfrac12)^{d/d_{1/2}} ist buchstäblich das Zerfallsgesetz mit vertauschten Rollen: wird zu Halbwertsdicke. Beiden liegt dasselbe zugrunde, nämlich eine konstante Ereignis-Wahrscheinlichkeit pro Schritt, sei es ein Zeitschritt oder ein Wegschritt. Exponentialgesetze sind die Mathematik des gedächtnislosen Zufalls. Wer eines verstanden hat, hat beide.

Die Übersetzung in die Praxis: Für „Faktor 1000 schwächer“ braucht es 210≈10002^{10} \approx 1000, also zehn Halbwertsdicken, bei unserer Strahlung 10 cm Blei. Deshalb sind Behälter für starke γ-Quellen so massiv, und deshalb kombiniert der reale Strahlenschutz immer Abstand (quadratisch, gratis) mit Abschirmung (exponentiell, schwer).

8Fazit

γ-Strahlung wird von Blei exponentiell geschwächt: je Zentimeter (der Halbwertsdicke) die Hälfte, nach vier Zentimetern ein Sechzehntel, null jedoch nie. Das Schwächungsgesetz ist das Zerfallsgesetz mit Dicke statt Zeit und die Rechenregel hinter jeder Abschirmplanung.

9Fehlerbetrachtung

Exponentialmessungen leiden an den Enden der Reihe:

β-Anteil nicht vollständig gefilterteher systematisch

Ursache

Vorfilter zu dünn.

Auswirkung

Die erste Bleiplatte nimmt dann β und γ zugleich heraus. Der erste Quotient fällt zu klein aus, und d½ wird unterschätzt.

Verbesserung

Vorfilter aus dem Artenvergleich übernehmen (4 mm) und die 0-cm-Rate damit definieren.

Streustrahlung um den Stapeleher systematisch

Ursache

γ-Quanten erreichen das Rohr seitlich am Blei vorbei (gestreut an Tisch und Wänden).

Auswirkung

Bei dicken Stapeln bleibt ein Sockel übrig, und die Kaskade flacht scheinbar ab.

Verbesserung

Stapel breiter als das Rohrfenster, Abstand zu streuenden Flächen.

Statistik bei kleinen Rateneher zufällig

Ursache

50/min über 2 min ergeben nur 100 , also ±10 % Eigenstreuung.

Auswirkung

Der letzte Quotient streut merklich.

Verbesserung

Messzeit ans Ratenniveau anpassen (geschehen: 4 min).

Das Wichtigste

Abstand wirkt quadratisch

n∼1r2n \sim \frac{1}{r^2}: Doppelter Abstand viertelt, zehnfacher hundertstelt. Die Quelle verteilt ihre Teilchen auf immer größere Kugelflächen. Abstand ist der wirksamste und billigste Schutz.

Die Absorber-Treppe

Papier nimmt α heraus (schwer, doppelt geladen, dichteste Ionisationsspur, kürzeste Reichweite). Millimeter-Aluminium nimmt β. Was Blei noch durchdringt, ist γ. Der Absorbervergleich identifiziert so die Arten.

γ wird nur halbiert

Jede Halbwertsdicke (bei Blei etwa 1 cm für Schulpräparate) halbiert die γ-Rate: exponentielle Schwächung. „Dahinter ist nichts mehr“ gibt es nicht, nur „dahinter ist es 2ⁿ-mal weniger“.

Ohne Nullraten-Abzug kein Gesetz

Der Untergrund (17/min) täuscht bei großen Abständen und dicken Absorbern eine Sättigung vor. Erst die korrigierten Raten zeigen die reinen Gesetze.

Wie möchtest du weitermachen?