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Rutherford-Streuversuch

Historisches ExperimentAtom- und KernphysikKlasse 10–12Fortgeschritten

Worum geht es?

Atome sind zu klein, um sie zu sehen, und waren es 1909 erst recht. Wie findet man trotzdem heraus, wie sie innen aufgebaut sind? Die Antwort dieses : Man beschießt sie und liest die Struktur aus den Ablenkungen ab. Schnelle α-Teilchen durchqueren eine Goldfolie von nur wenigen hundert Atomlagen; die allermeisten fliegen fast ungestört hindurch, doch ein winziger Bruchteil wird um mehr als 90°90° abgelenkt oder kommt zurück. Aus diesem Streubild folgt ein neues Bild des Atoms: ein fast leeres Gebilde mit einem winzigen, schweren, positiv geladenen Kern.

Warum macht man dieses Experiment?

Das herrschende Atommodell stammte von J. J. Thomson: positive , gleichmäßig über das ganze Atom verschmiert, mit eingebetteten Elektronen. Dieses Modell machte eine klare Vorhersage: Ein schnelles α-Teilchen kann in so verdünnter Ladung nur um Bruchteile eines Grads abgelenkt werden, auch nach vielen Folienlagen. Die beobachteten Rückwärtsstreuungen widersprachen dem um Größenordnungen. Der Versuch zeigt damit beispielhaft, wie Physik Modelle prüft: nicht am Durchschnitt der Ereignisse, sondern an den seltenen, die das Modell verbietet. Aus einer Ausnahme von eins zu achttausend entstand das Kernmodell des Atoms, die Grundlage der gesamten Atom- und Kernphysik.

Die physikalische Idee

Was man nicht sehen kann, kann man abtasten, mit Sonden, die kleiner und schneller sind als das Ziel fein ist. Die Idee hat drei Zutaten: Sonden (α-Teilchen aus Quellen, schnell, geladen, massereich), ein dünnes Ziel (Goldfolie, damit jedes Teilchen möglichst nur an einem Atom nennenswert streut) und ein Zähler für Richtungen (ein Leuchtschirm, auf dem jedes auftreffende Teilchen einen winzigen Lichtblitz erzeugt, verschiebbar um die Folie herum). Das Muster der Ablenkwinkel ist dann der Fingerabdruck des Atominneren: Verschmierte ergäbe nur Kleinstwinkel, ein kompakter geladener Kern dagegen selten große Winkel bis zur Rückstreuung.

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

Historische Einordnung

Die Streuversuche liefen zwischen 1908 und 1913 an der Universität Manchester. Ernest Rutherford, seit 1907 Professor dort und 1908 für seine Arbeiten zur mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet, gab die Fragestellung vor; die Messungen führten sein Assistent Hans Geiger und der Student Ernest Marsden aus. Die Rückstreuung fanden Geiger und Marsden 1909, Rutherfords Deutung mit dem Kernmodell erschien 1911, die quantitative Bestätigung der Streuformel durch neue Messreihen 1913.

Ernest Rutherford (1871–1937)

Gab die Fragestellung vor und deutete 1911 die Streudaten mit dem Kernmodell samt Streuformel; Chemie-Nobelpreis bereits 1908 für die Radioaktivitätsforschung.

Hans Geiger (1882–1945)

Führte die Streumessungen in Manchester durch und entwickelte die Zähltechnik; aus seinen Detektoren ging später das Geiger-Müller-Zählrohr hervor.

Ernest Marsden (1889–1970)

Entdeckte 1909 als Student gemeinsam mit Geiger die Rückstreuung der α-Teilchen und führte die großen Zählreihen von 1913 mit aus.

Joseph John Thomson (1856–1940)

Entdecker des Elektrons und Autor des Atommodells von 1904, das der Streuversuch widerlegte; Rutherfords Lehrer in Cambridge.

Was wusste man damals?

Was wusste man um 1909 über das Atom?

  • Atome sind real und enthalten Elektronen. Thomson hatte 1897 das Elektron entdeckt: leicht, negativ geladen, Bestandteil aller Atome. Da Atome insgesamt neutral sind, musste irgendwo eine positive sitzen, aber niemand wusste, wie sie verteilt ist.
  • Das Thomson-Modell (1904). Der naheliegende Entwurf: Die positive Ladung füllt das Atom gleichmäßig aus, die Elektronen sitzen darin wie Rosinen im Kuchen. Das Modell war rechenbar und erklärte die Neutralität; direkte Belege für oder gegen die verschmierte Ladung gab es nicht.
  • Werkzeuge aus der . Rutherford hatte die α-Teilchen jahrelang untersucht und 1908 (mit Royds) gezeigt, dass sie zweifach positiv geladene Heliumkerne sind: schnelle, massive Sonden, wie geschaffen zum Abtasten von Materie. Geiger hatte zudem Zähltechniken entwickelt, vom Szintillationsschirm bis zum Urahn des späteren Zählrohrs.
  • Eine bekannte Kleinigkeit: Beim Durchgang durch dünne Folien werden α-Strahlen ein wenig unscharf (Vielfachstreuung um kleinste Winkel), völlig verträglich mit Thomson. Niemand erwartete Ablenkungen um große Winkel.

Die wissenschaftliche Fragestellung

Die Fragestellung entwickelte sich in zwei Stufen:

  1. Zuerst eine Routinefrage: Wie stark streut dünne Materie α-Teilchen? Geiger vermaß die kleinen Winkel; Rutherford regte an, Marsden solle zur Übung prüfen, ob überhaupt irgendetwas unter großen Winkeln zurückkommt. Niemand erwartete ein Ergebnis.
  2. Nach dem Befund die eigentliche Frage: Welche Ladungsverteilung im Atom kann einzelne α-Teilchen um mehr als 90°90° werfen, ohne den fast ungestörten Durchflug der übergroßen Mehrheit zu verhindern? Gesucht war ein Modell, das beides zugleich erklärt, quantitativ, nicht nur als Bild.

Die Idee hinter dem Experiment

Die experimentelle Idee im Detail:

  • α-Teilchen als Sonden. Schnell (rund 2⋅107 m/s2 \cdot 10^7\ \mathrm{m/s}), massereich (etwa 7300 Elektronenmassen) und geladen: Elektronen können sie praktisch nicht ablenken, nur eine konzentrierte positive könnte es.
  • Gold als Ziel. Gold lässt sich zu Folien von wenigen hundert Atomlagen schlagen; so streut fast jedes Teilchen höchstens einmal nennenswert, und das Streubild bleibt deutbar. Die hohe Kernladung von Gold macht die Ablenkungen zusätzlich kräftig.
  • Zählen im Dunkeln. Jedes α-Teilchen erzeugt auf einem Zinksulfid-Schirm einen einzelnen schwachen Lichtblitz. Der Schirm samt Mikroskop ließ sich auf einem drehbaren Arm um die Folie führen; gezählt wurde mit dunkeladaptierten Augen, Blitz für Blitz, Winkel für Winkel.

Rutherford-Streuung am Goldkern

Simulation — berechnete Werte, keine Messung
Deine Aufgabe: Beobachte, wie α-Teilchen am Atomkern gestreut werden: Die meisten fliegen fast ungestört durch, einige werden abgelenkt, sehr wenige sogar zurückgeworfen. Verändere in der Steuerung Energie und Teilchenzahl und verfolge, wie sich die Trefferstatistik ändert.
Goldfolie(Ausschnitt, stark vergrößert)Atomkernpositiv geladen · winzigLeuchtschirmNachweis der Trefferα-Teilchen-Quelleα-Teilchen (Heliumkerne) →
Gezeigt sind 12 stellvertretende Bahnen aus dem kernnahen Teil des Strahls; Statistik und Schirmtreffer stehen für alle 1.000 simulierten Teilchen, auch die vielen weiter außen, die praktisch unabgelenkt bleiben. 1 fm = 10⁻¹⁵ m; das ganze Atom wäre rund tausendmal breiter als dieser Ausschnitt.

Unabgelenkt

Die meisten α-Teilchen fliegen ohne merkliche Ablenkung am Kern vorbei.

Schwach abgelenkt

Einige Teilchen werden durch die positive Ladung des Kerns leicht abgelenkt.

Stark abgelenkt

Wenige Teilchen kommen dem Kern sehr nahe und werden stark abgelenkt.

Zurückgestreut

Extrem selten werden Teilchen um mehr als 90° zurückgeworfen.

Erkenntnis: Die positive Ladung und fast die gesamte Masse eines Atoms sind in einem winzigen Kern konzentriert; der Rest des Atoms ist nahezu leerer Raum. Und der Maßstab trägt noch weiter: Simuliert ist hier nur die unmittelbare Kernumgebung (Strahlbreite 1.000 fm). Im echten Experiment, wo fast alle Teilchen noch viel weiter entfernt am Kern vorbeifliegen, wurde nur etwa eines von 8 000 zurückgeworfen.

Berechnete Streuung im Coulomb-Feld eines Goldkerns (Modellannahmen wie bei Rutherford 1911: fester Kern, ein Streuzentrum, keine Hülle). Verändere und Teilchenzahl und beobachte das historische Muster in der Trefferstatistik: Fast alle Teilchen bleiben unabgelenkt, nur die seltenen nahezu zentralen Stöße kehren um. Beachte den Maßstab: Selbst die simulierte Strahlbreite von 1 000 fm1\,000\ \mathrm{fm} liegt tief im Inneren des Atoms, dessen Radius rund 100 000 fm100\,000\ \mathrm{fm} beträgt.

Die historische Durchführung

Wie tatsächlich gemessen wurde:

  1. Quelle und Geometrie. Ein Radiumpräparat in einem Bleiröhrchen lieferte einen feinen α-Strahl; im evakuierten Apparat traf er die Goldfolie. Vakuum war Pflicht: Schon wenige Zentimeter Luft bremsen α-Teilchen vollständig ab.
  2. Die Rückstreu-Beobachtung (1909). Marsden suchte mit dem Leuchtschirm auf der Quellenseite der Folie nach reflektierten Teilchen und fand sie: selten, aber zweifelsfrei, bei Platin etwa eines von achttausend. Geiger und Marsden publizierten den Befund; Rutherford nannte ihn später das Unglaublichste, was ihm je widerfahren sei, als hätte eine Granate an Seidenpapier kehrtgemacht (so seine Rückschau von 1936).
  3. Die Deutung (1911). Rutherford rechnete durch, was eine punktförmig konzentrierte leisten würde: Jedes α-Teilchen fliegt dann auf einer Hyperbelbahn, und der Ablenkwinkel hängt allein davon ab, wie dicht es am Kern vorbeizielt. Das Modell liefert eine präzise Formel für die Häufigkeit jedes Streuwinkels.
  4. Die Bestätigung (1913). Geiger und Marsden zählten daraufhin systematisch: über hunderttausend Blitze, Winkel von 5°5° bis 150°150°, verschiedene Folienmetalle und -dicken, verschiedene α-Geschwindigkeiten. Die Messwerte folgten Rutherfords Formel in allen vier Abhängigkeiten.

Beobachtung und damalige Interpretation

Was wurde beobachtet? Die übergroße Mehrheit der α-Teilchen durchquert die Folie fast ungestört; die Häufigkeit der Ablenkungen fällt zu großen Winkeln steil ab, aber sie verschwindet nicht: Rückstreuung existiert, selten und reproduzierbar.

Rutherfords Deutung: Beides zusammen passt nur zu einem Atom, das fast leer ist und seine positive samt fast aller in einem winzigen Zentrum konzentriert. Die häufigen Durchflüge entsprechen Bahnen weit am Kern vorbei (das Atom ist überwiegend Leere plus leichte Elektronen); die seltenen Großwinkel entsprechen nahezu zentralen Begegnungen mit dem Kern. Aus der der α-Teilchen folgt eine Obergrenze für die Kerngröße: rund 30 fm30\ \mathrm{fm}, gegen 100 000 fm100\,000\ \mathrm{fm} Atomradius. Entscheidend war, dass die Deutung quantitativ war: Die 1913 gemessene Winkelverteilung folgt exakt der Formel des Kernmodells; das Thomson-Modell verfehlt sie um viele Größenordnungen.

Vorsicht in der Aussage: Der Versuch belegt die Existenz und Winzigkeit des Kerns, nicht aber die Bahnen der Elektronen; wie die Hülle stabil sein kann, blieb offen und wurde erst durch Bohr (1913) und die Quantenmechanik beantwortet.

Zeitleiste

  1. 1897

    Das Elektron

    J. J. Thomson identifiziert das Elektron als leichten, negativ geladenen Baustein aller Atome. Wo die ausgleichende positive sitzt, bleibt offen.

  2. 1904

    Thomsons Atommodell

    Positive , gleichmäßig über das Atom verteilt, mit eingebetteten Elektronen: das rechenbare Standardmodell des Jahrzehnts.

  3. 1908

    α-Teilchen identifiziert

    Rutherford und Royds weisen nach, dass α-Teilchen zweifach geladene Heliumkerne sind; im selben Jahr erhält Rutherford den Chemie-Nobelpreis für seine Radioaktivitätsforschung.

  4. 1909

    Die Rückstreuung

    Geiger und Marsden finden, dass etwa eines von 8000 α-Teilchen an dünner Metallfolie um mehr als 90°90° gestreut wird, im Thomson-Modell praktisch unmöglich.

  5. 1911

    Das Kernmodell

    Rutherford erklärt die Daten mit einem winzigen, geladenen, massereichen Kern und leitet die Streuformel her, samt Obergrenze für die Kerngröße.

  6. 1913

    Bestätigung und Ausbau

    Geiger und Marsden bestätigen die Streuformel in allen Abhängigkeiten; Bohr setzt sein Atommodell auf den Kern, Moseley verknüpft Kernladung und Ordnungszahl.

  7. 1919

    Erste Kernreaktion

    Rutherford verwandelt Stickstoff durch α-Beschuss in Sauerstoff und weist dabei das Proton nach: Die Kernphysik wird experimentell gestaltbar.

  8. ab 1950

    Streuung als Universalmethode

    Elektronenstreuung vermisst Kerne (Hofstadter), tiefinelastische Streuung findet die Quarks, und die Rutherford-Rückstreuung wird zur Standardanalytik dünner Schichten.

Die schulische Betrachtung: Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Abtasten ohne Hinsehen: Streuung am verborgenen Hindernis

Erschließe im Modellversuch die Form und Lage eines Hindernisses, das du nicht sehen kannst, allein aus den Bahnen rollender Murmeln, und übertrage die Methode anschließend auf den historischen Versuch: Was entspricht den Murmeln, was dem Hindernis, was dem Streubild, und wo endet die Analogie? Die echten Bahnen im Coulomb-Feld zeigt ergänzend die Simulation.

Gemessen

  • — Zahl der stark abgelenkten Murmeln

    Die seltenen Ereignisse, auf die es ankommt: Ihr Anteil verrät, wie klein das Ziel im Vergleich zur beschossenen Breite ist.

Bekannt

  • — Zahl der eingerollten Murmeln

    Die Stichprobengröße des Modellversuchs (im Beispiel 50). Je mehr Bahnen, desto verlässlicher das Streubild, genau wie beim Blitzezählen im Original.

Berechnet

  • — Geschätzte Breite des Hindernisses (in )

    Aus dem Trefferanteil geschätzt: Bei gleichmäßig verteilten Bahnen über die Rollbreite BB gilt näherungsweise b≈B⋅Nzurueck/Nb \approx B \cdot N_\mathrm{zurueck}/N, die einfachste Form des Rückschlusses vom Streubild auf die Zielgröße.

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Unter der Abdeckung ist ein Hindernis verborgen. Rolle mindestens 5050 Murmeln in gleichmäßig verteilten, parallelen Bahnen darunter hindurch, protokolliere für jede Murmel Eintritts- und Austrittsbahn und erschließe daraus Lage, ungefähre Größe und Form des Hindernisses. Vergleiche die Methode danach Punkt für Punkt mit dem historischen Goldfolienversuch.

2Vorbetrachtung

Was lässt sich aus Bahnen lernen? Eine Murmel, die gerade durchläuft, sagt: Auf meiner Bahn lag nichts. Eine leicht abgelenkte sagt: Ich habe etwas gestreift, und die Richtung der Ablenkung verrät, auf welcher Seite. Eine zurückprallende sagt: Ich habe etwas Hartes fast mittig getroffen. Aus vielen solchen Aussagen zusammen entsteht ein Bild des Unsichtbaren, obwohl keine einzelne Bahn es liefert.

Vor dem Rollen lohnt eine Vorhersage: Wie sähe das Streubild aus, wenn unter der Abdeckung nichts läge? Wenn ein breites, weiches Kissen läge? Wenn ein kleiner, harter Klotz läge? Erst wer die Alternativen durchgespielt hat, kann das gemessene Bild deuten, genau darin bestand Rutherfords Stärke.

Rutherford-Streuung am Goldkern

Simulation — berechnete Werte, keine Messung
Deine Aufgabe: Stelle zuerst einen großen Abstand zur Kernmitte ein und starte das α-Teilchen. Merke dir die Bahn, verringere dann den Abstand und starte erneut: Vergleiche die beiden Ablenkwinkel.
ungestörte RichtungbGoldfolie(Ausschnitt, stark vergrößert)Atomkernpositiv geladen · winzigLeuchtschirmNachweis der Trefferα-Teilchen-Quelleα-Teilchen (Heliumkerne)
1 fm = 10⁻¹⁵ m. Das Bild zeigt die Umgebung des Kerns; das ganze Atom (≈ 100 000 fm) läge weit außerhalb, der echte Leuchtschirm zentimeterweit entfernt in Pfeilrichtung.

Streuwinkel θ

41°

Zum Vergleich (gemerkte Bahn)

—

In 40 fm Abstand spürt das Teilchen den Kern nur schwach: Es wird um 41° abgelenkt. Je weiter weg (oder je schneller das Teilchen), desto gerader die Bahn — verringere b und vergleiche.

Zum Vergleich die echte Physik als berechnete Bahn: Verändere den Stoßparameter bb (wie dicht das Teilchen am Kern vorbeizielt) und die . Beobachte, wie empfindlich der Streuwinkel von bb abhängt: Schon wenige Femtometer entscheiden zwischen Durchflug und Umkehr, während die Murmel nur trifft oder verfehlt.

3Geräte / Stoffe

Die Geräteliste des Grundaufbaus gilt vollständig. Das Hindernis platziert die Lehrkraft ohne Zuschauer; die Abdeckung bleibt bis zur Auswertung geschlossen, sonst verliert der Versuch seinen Sinn.

  • Flache Abdeckung (Karton auf Klötzen)

    Verbirgt das Hindernis vollständig; die Murmeln rollen darunter hindurch. Das Nicht-sehen-Können ist der Kern des Modells, nicht eine Erschwernis.

  • Verborgenes Hindernis (z. B. keilförmiger Holzklotz)

    Das Analogon zum : klein gegen die Fläche der Abdeckung, fest, und nur über die Ablenkung der Murmeln erschließbar. Wird von der Lehrkraft platziert, die Lernenden kennen es nicht.

  • Murmeln (mindestens 50 gleiche)

    Die Sonden des Versuchs, das Analogon zu den α-Teilchen. Gleiche Größe und gleicher Anrollweg machen die Streubilder vergleichbar.

  • Anrollrampe oder Rollrinne

    Sorgt für gleiche Startgeschwindigkeit und gerade, parallele Bahnen; die Startposition wird quer zur Rollrichtung systematisch durchgeschoben.

  • Papierbögen und Stift rund um die Abdeckung

    Protokollfläche: Für jede Murmel werden Eintritts- und Austrittsbahn markiert; aus vielen Bahnen entsteht das Streubild, aus dem auf das Hindernis geschlossen wird.

4Skizze des Versuchsaufbaus

Die Skizze zeigt die Anordnung von oben: die Abdeckung als Rechteck, die Anrollrampe an einer Seite, die Protokollbögen an den übrigen Rändern. Eingezeichnet werden einige Beispielbahnen (gerade durch, leicht abgelenkt, zurückgeprallt), jeweils mit Pfeilen für Ein- und Austritt.

Der schulische Aufbau ist ein Modellversuch: Auf dem Tisch liegt eine flache Abdeckung (ein großer Karton auf niedrigen Klötzen), unter der ein unbekanntes, fest stehendes Hindernis verborgen ist, etwa ein keilförmiger Holzklotz. Von einer Seite werden Murmeln in , parallelen Bahnen unter die Abdeckung gerollt; auf den anderen Seiten wird registriert, wo und in welche Richtung sie wieder herauskommen.

Die Aufgabe klingt paradox und ist genau die historische: die Form von etwas bestimmen, das man nicht sehen kann, allein aus der Art, wie es Geschosse ablenkt. Mehr Ausstattung braucht die Analogie nicht; ihre Grenzen werden unten ausdrücklich benannt.

5Durchführung

Schritt 1: Raster festlegen. Die Startkante in gleichmäßige Spuren einteilen (etwa alle 2 cm2\ \mathrm{cm}), sodass die Bahnen die ganze Breite der Abdeckung abdecken.

Schritt 2: Rollen und protokollieren. Murmel für Murmel mit gleicher über die Rampe starten, Spur für Spur. Für jede Murmel notieren: Startspur, Austrittsstelle, Austrittsrichtung (gerade, links, rechts, zurück). Mindestens 5050 Bahnen.

Schritt 3: Verdichten. Bahnen mit auffälligen Ablenkungen wiederholen und in Nachbarspuren ergänzen, dort steckt die Information über die Ränder des Hindernisses.

Schritt 4: Behauptung vor Enthüllung. Aus dem Streubild eine Skizze des vermuteten Hindernisses zeichnen (Lage, Breite, Form) und erst danach die Abdeckung öffnen.

6Beobachtung

Beispielprotokoll mit N=50N = 50 Murmeln auf B=1,0 mB = 1{,}0\ \mathrm{m} Rollbreite: 4141 liefen praktisch gerade durch, 77 traten seitlich versetzt oder schräg aus (davon 44 nach links, 33 nach rechts, alle aus benachbarten Startspuren in der Mitte), und 22 kamen zur Startseite zurück, beide aus fast derselben Spur. Die unauffälligen Bahnen verteilen sich über die gesamte Breite; alle auffälligen konzentrieren sich auf einen schmalen Spurbereich.

7Auswertung

Vom Streubild zum Hindernis. Die Häufungen tragen die Information: Gerade Durchgänge markieren freie Zonen, die Rückpraller den Ort des Ziels, die Seitenablenkungen seine Flanken. Die Größe folgt aus dem Trefferanteil: Von 5050 gleichmäßig verteilten Bahnen auf 1,0 m1{,}0\ \mathrm{m} Breite trafen 22 zentral,

b  ≈  B⋅NzurueckN=1,0 m⋅250=4 cm,b \;\approx\; B \cdot \frac{N_\mathrm{zurueck}}{N} = 1{,}0\ \mathrm{m} \cdot \frac{2}{50} = 4\ \mathrm{cm},

eine Schätzung der Zielbreite, die beim Öffnen der Abdeckung überprüft wird (und im Beispiel gut zum tatsächlichen Klotz passt).

Übertragung auf den historischen Versuch. Murmeln →\to α-Teilchen; verborgenes Hindernis →\to ; Abdeckung →\to die Unsichtbarkeit des Atominneren; Protokollbögen →\to der ringsum geführte Leuchtschirm; Trefferanteil →\to die eins zu achttausend. Auch die Logik der Schlussfolgerung ist dieselbe: Aus "fast alle kommen ungestört durch" folgt "fast alles ist leer"; aus "wenige prallen zurück" folgt "irgendwo sitzt etwas Kleines, Hartes". Der historische Fall hatte darüber hinaus, was dem Modell fehlt: ein exaktes Kraftgesetz, mit dem aus dem Streubild nicht nur Existenz und Größe, sondern die vollständige Winkelverteilung vorhersagbar wurde; die Simulation zeigt genau diesen Teil.

8Fazit

Der Modellversuch leistet, was er soll: Aus 5050 protokollierten Bahnen ließen sich Lage, Größe (Schätzung ≈4 cm\approx 4\ \mathrm{cm}) und sogar die Keilform eines unsichtbaren Hindernisses erschließen und anschließend bestätigen. Damit ist das Erkenntnisprinzip des Rutherford-Versuchs selbst durchlaufen worden: Streuung ersetzt das Hinsehen, seltene große Ablenkungen tragen die entscheidende Information, und die Statistik vieler Sonden macht aus Einzelereignissen ein Bild. Der Unterschied zum Original, das Coulomb-Kraftgesetz mit seinen berechenbaren Hyperbelbahnen, ist benannt und in der Simulation sichtbar.

9Fehlerbetrachtung

Beim Modellversuch bedeuten Fehlerquellen: Was kann das Streubild verfälschen und damit zu einem falschen Bild des Hindernisses führen?

Zu wenige oder ungleich verteilte Bahneneher zufällig

Ursache

Seltene Ereignisse brauchen Statistik: Wer nur 15 Murmeln rollt oder die Randspuren auslässt, verpasst die Rückpraller oder die Flanken leicht ganz.

Auswirkung

Das Hindernis erscheint kleiner, verschoben oder wird übersehen; die Breitenschätzung aus dem Trefferanteil wird unbrauchbar.

Verbesserung

Mindestens 50 Bahnen im festen Raster, auffällige Bereiche nachverdichten; die Schätzformel setzt gleichmäßige Ausleuchtung der Breite voraus.

Uneinheitlicher Start (Kraft oder Richtung)eher systematisch

Ursache

Von Hand angestoßene Murmeln streuen in Tempo und Richtung; langsame Murmeln werden vom selben Hindernis anders abgelenkt als schnelle.

Auswirkung

Ablenkwinkel werden unvergleichbar, und schiefe Eintrittsbahnen täuschen Streuereignisse an Stellen vor, an denen nichts liegt.

Verbesserung

Immer über dieselbe Rampe aus derselben Höhe starten; die Eintrittsrichtung an der Startkante mit anzeichnen.

Mehrfachstöße unter der Abdeckungeher systematisch

Ursache

Murmeln können vom Hindernis an einen Klotzfuß oder eine zweite Murmel prallen; die Austrittsrichtung gehört dann nicht mehr zu einem einzelnen Streuereignis.

Auswirkung

Einzelne Bahnen widersprechen dem sonst stimmigen Bild und verleiten zu Fantasieformen des Hindernisses.

Verbesserung

Immer nur eine Murmel gleichzeitig rollen, liegen gebliebene vor dem nächsten Start entfernen; Ausreißer wiederholen, bevor man ihnen glaubt. Auch das Original kannte dieses Problem: Die Goldfolie musste so dünn sein, dass Mehrfachstreuung selten bleibt.

Warum ist dieses Experiment wichtig?

Die Bedeutung auf drei Ebenen:

  1. Das Kernmodell des Atoms. Kern plus Hülle ist seit 1911 die Grundlage jedes Atomverständnisses: Bohr setzte 1913 seine Quantenbahnen auf Rutherfords Kern, Moseley zeigte im selben Jahr, dass die Kernladungszahl die Ordnungszahl des Periodensystems ist.
  2. Die Kernphysik beginnt. Wer weiß, dass es einen Kern gibt, kann ihn untersuchen: Rutherford selbst gelang 1919 die erste künstliche Kernreaktion (Stickstoff plus α ergibt Sauerstoff plus Proton), Chadwick fand 1932 das Neutron.
  3. Streuung als Universalmethode. Beschieße das Unbekannte und lies die Struktur aus dem Streubild: Nach diesem Prinzip vermaß Hofstadter in den 1950er Jahren mit Elektronen die Ladungsverteilung der Kerne, und nach demselben Prinzip suchen heutige Beschleunigerexperimente nach Substrukturen der Elementarteilchen. Der Goldfolienversuch ist der Urahn dieser gesamten Methodik.
Jedes Modell fiel über eine MessungDalton1803Thomson1897Rutherford1911Bohr1913heute1926Woran es scheiterte:Ladung · Streuversuch · Strahlungsverlust · nur WasserstoffDas heutige Modell gibt Aufenthaltswahrscheinlichkeiten an.Widerlegt zu werden treibt die Physik voran

Der Streuversuch als Wendepunkt der Modellgeschichte: vom unteilbaren Atom über Thomsons verschmierte zu Rutherfords Kern-Hülle-Bild, auf dem Bohr 1913 aufbaute. Jedes Modell wurde von einem erzwungen; hier war es die Rückstreuung der α-Teilchen.

Was kam danach?

Die Streumethode wurde immer feiner. Chadwick bestimmte 1920 aus Streudaten direkt die Kernladungen und bestätigte Moseleys Zuordnung; mit schnelleren Sonden zeigte sich ab den 1920er Jahren, wo die reine Coulomb-Streuung endet und die Kernkraft beginnt, womit sich die Kernradien präzise vermessen ließen (Gold: heute rund 7 fm7\ \mathrm{fm}). Hofstadters Elektronenstreuung machte in den 1950er Jahren die Ladungsverteilung im Kern sichtbar; die Streuexperimente am Stanford-Beschleuniger fanden ab 1968 im Proton selbst punktförmige Streuzentren, die Quarks. Und im Alltag der Materialforschung ist die Rutherford-Rückstreuung heute eine Standard-Analysemethode für dünne Schichten, unter genau diesem Namen.

Wie verstehen wir das Experiment heute?

Aus heutiger Sicht bleiben zwei Einordnungen wichtig:

  • Die Idealisierung trägt erstaunlich weit. Rutherford rechnete mit einem festen, punktförmigen Kern und reiner Coulomb-Kraft und vernachlässigte die Elektronenhülle. Für α-Energien um 8 MeV8\ \mathrm{MeV} an schweren Kernen ist das fast exakt: Die Annäherung bleibt mit rund 30 fm30\ \mathrm{fm} weit außerhalb des eigentlichen Kerns (≈7 fm\approx 7\ \mathrm{fm}), sodass die Kernkraft nicht mitspielt. Erst höhere "berühren" den Kern, und genau die Abweichung von der Rutherford-Formel wurde später zum Maßband für Kernradien.
  • Das Bild vom leeren Atom braucht die Quantenphysik. Der Kern ist real und winzig, aber die Hülle ist kein Planetensystem: Elektronen sind im Atom als Quantenobjekte ausgebreitet, ohne klassische Bahnen. Der Streuversuch markiert deshalb den Anfang, nicht das Ende der Atommodell-Geschichte; seine eigentliche Botschaft, dass Materie ihre in winzigen Zentren konzentriert, gilt unverändert.

Die gesamte Modellgeschichte, von der antiken Atomidee über Dalton, Thomson und Rutherford bis zum quantenmechanischen Modell, findest du ausführlich im Bereich Atommodelle im historischen Kontext.

Quellen

Die historischen Aussagen dieser Seite stützen sich auf die folgenden Quellen. Die Darstellung ist eigenständig didaktisch aufbereitet und keine Übernahme der Texte.

  • On a Diffuse Reflection of the α-Particles — Hans Geiger, Ernest Marsden (1909), Proceedings of the Royal Society A 82, 495–500
  • The Scattering of α and β Particles by Matter and the Structure of the Atom — Ernest Rutherford (1911), Philosophical Magazine, Serie 6, 21, 669–688
  • The Laws of Deflexion of α Particles through Large Angles — Hans Geiger, Ernest Marsden (1913), Philosophical Magazine, Serie 6, 25, 604–623
  • The Development of the Theory of Atomic Structure (Rückschau mit dem Granaten-Vergleich) — Ernest Rutherford (1938), in: Needham/Pagel (Hrsg.), Background to Modern Science, Cambridge University Press
  • Ernest Rutherford — Facts (Nobelpreis für Chemie 1908), NobelPrize.org, Nobel Prize Outreach Zur Quelle

Das Wichtigste

Historische Frage

Wie ist das Atom innen aufgebaut: positive gleichmäßig verschmiert (Thomson), oder anders? Und wie prüft man das an etwas, das niemand sehen kann?

Idee

Abtasten durch Beschuss: α-Teilchen auf eine hauchdünne Goldfolie, ringsum zählen, in welche Richtungen sie gestreut werden. Das Winkelmuster verrät die Ladungsverteilung im Atom.

Zentrale Beobachtung

Fast alle Teilchen fliegen nahezu ungestört durch; etwa eines von 8000 wird um mehr als 90°90° gestreut. Im Thomson-Modell wäre schon ein einziges solches Ereignis praktisch unmöglich.

Rutherfords Schluss (1911)

Die gesamte positive und fast die gesamte sitzen in einem winzigen Kern (Obergrenze damals rund 30 fm30\ \mathrm{fm}, das Atom ist etwa zehntausendmal größer). Die Streuformel aus diesem Modell beschreibt die gemessene Winkelverteilung exakt.

Bedeutung

Geburtsstunde des Kernmodells: Auf ihm bauen Bohrs Atommodell, Moseleys Ordnungszahl und die gesamte Kernphysik auf. Streuexperimente wurden zur Standardmethode der Physik, bis zu den heutigen Beschleunigern.

Schulische Umsetzung

Der Originalversuch ist mit Schulmitteln nicht durchführbar (α-Quelle, Vakuum, Einzelblitz-Zählung). Hier: Modellversuch (Streuung an einem verborgenen Hindernis) plus Simulation der echten Coulomb-Bahnen, beide klar als solche gekennzeichnet.

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