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Galileis Fallrinne

Historisches ExperimentMechanikKlasse 9–10Standard

Worum geht es?

Lässt man einen Stein fallen, ist alles in einem Augenblick vorbei: zu schnell für das Auge, zu schnell für jede Uhr des 17. Jahrhunderts. Trotzdem wollte Galileo Galilei wissen, nach welchem Gesetz ein fallender Körper schneller wird. Seine Lösung: Er ließ eine Kugel eine flach geneigte Rinne hinabrollen. Die Bewegung bleibt dieselbe Art von Bewegung, läuft aber so langsam ab, dass man sie vermessen kann. Das Ergebnis ist das Weg-Zeit-Gesetz s∼t2s \sim t^2: In der doppelten Zeit legt die Kugel den vierfachen Weg zurück.

Warum macht man dieses Experiment?

Vor Galilei galt die Fallbewegung als geklärt, und zwar durch Nachdenken statt durch Messen: Nach Aristoteles fallen schwere Körper schneller als leichte, jeder mit seiner ihm eigenen . Galilei stellte dem eine andere Arbeitsweise entgegen. Er fragte nicht, warum Körper fallen, sondern wie, und er ließ die Antwort von einer Messung entscheiden. Dieses steht deshalb für mehr als ein Bewegungsgesetz: Es zeigt den Übergang von der Naturphilosophie zur experimentellen Physik, bei der eine Behauptung so lange nichts gilt, wie die Messung sie nicht trägt.

Die physikalische Idee

Der freie Fall ist zu schnell, also wird er verdünnt: Auf einer geneigten Rinne wirkt nur ein Teil der Schwere beschleunigend, die Bewegung läuft in Zeitlupe ab, bleibt aber eine gleichmäßig Bewegung. Wenn es ein einfaches Fallgesetz gibt, muss es sich an der Rinne genauso zeigen wie im senkrechten Fall, der nur der steilste Grenzfall der Rinne ist. Gemessen wird, welche Zeiten die Kugel zu festen Wegmarken braucht; geprüft wird, ob die Wege wie die Quadrate der Zeiten wachsen.

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

Historische Einordnung

Die Rinnenversuche entstanden um 1603 bis 1608, als Galilei Professor für Mathematik in Padua war. Veröffentlicht hat er sie erst Jahrzehnte später: 1638 erschienen die Discorsi (vollständig: "Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige") in Leiden, außerhalb der Reichweite der römischen Inquisition, die ihn 1633 verurteilt hatte. Der Dritte Tag der Discorsi enthält die Beschreibung der Rinne und das Fallgesetz. Dass Galilei schon 1604 auf dem Weg dorthin war, zeigt ein Brief an seinen Freund Paolo Sarpi, in dem das Quadratgesetz bereits steht, damals noch mit einer fehlerhaften Begründung, die er später selbst korrigierte.

Galileo Galilei (1564–1642)

Entwickelte Fallrinne und Wasseruhr-Messung in seiner Paduaner Zeit (um 1603 bis 1608) und veröffentlichte Methode und Fallgesetz 1638 im Dritten Tag der Discorsi.

Vincenzo Viviani (1622–1703)

Galileis letzter Schüler und Biograf; seine erst 1717 gedruckte Lebensbeschreibung ist die einzige Quelle der Turmlegende von Pisa.

Was wusste man damals?

Was galt um 1600 über den Fall, und woher kam dieses Wissen?

  • Die aristotelische Auffassung. Nach Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) fällt jeder Körper mit einer ihm eigenen, gleichbleibenden , die mit seinem Gewicht wächst und vom Widerstand des Mediums abhängt. Doppelt so schwer hieße demnach doppelt so schnell. Diese Lehre wurde an den Universitäten seit Jahrhunderten gelehrt, gestützt auf Argumente und Alltagsbeobachtung, nicht auf Messreihen.
  • Erste Zweifel gab es längst. Schon im 6. Jahrhundert hatte Johannes Philoponos berichtet, dass zwei sehr verschieden schwere Körper fast gleichzeitig aufschlagen. Auch Gelehrte des 16. Jahrhunderts (etwa Simon Stevin mit Fallversuchen von einem Turm in Delft, 1586) fanden Widersprüche zur aristotelischen Regel.
  • Was fehlte, war zweierlei: eine Messmethode, die die Bewegung selbst erfasst (nicht nur den Aufschlag), und ein mathematisches Gesetz, das an die Stelle der alten Lehre treten konnte.

Die wissenschaftliche Fragestellung

Galileis Frage war bewusst bescheidener als die seiner Vorgänger, und gerade das machte sie beantwortbar:

  1. Wie wird ein fallender Körper schneller? Wächst die mit der Zeit, mit dem Weg, oder nach einer ganz anderen Regel? (Die Frage nach dem Warum des Fallens stellte er ausdrücklich zurück.)
  2. Lässt sich diese Regel als einfaches mathematisches Gesetz schreiben, das für alle Körper gleich ist, unabhängig von ihrem Gewicht?

Die Idee hinter dem Experiment

Die experimentelle Idee besteht aus zwei Gedanken, die erst zusammen tragen:

  • Verlangsamen statt direkt messen. Der senkrechte Fall dauert vom Tisch bis zum Boden weniger als eine halbe Sekunde; keine Uhr der Zeit konnte das auflösen. Auf einer flach geneigten Rinne wirkt nur ein Teil der Schwere entlang der Bahn, die Bewegung streckt sich auf mehrere Sekunden. Die Rinne ist also kein Ersatzexperiment, sondern derselbe Vorgang in Zeitlupe.
  • Ein prüfbares Muster suchen. Aus der Annahme, die wachse gleichmäßig mit der Zeit, folgt rechnerisch das Quadratgesetz für die Wege, und daraus die Regel der ungeraden Zahlen: gleiche Zeitabschnitte, Wegstücke im Verhältnis 1:3:5:71 : 3 : 5 : 7. Ein solches Verhältnis lässt sich auch mit einer groben Uhr prüfen, weil es nur auf Verhältnisse ankommt, nicht auf absolute Zeiten. Genau darauf war die Wasseruhr zugeschnitten: Gewogene Wassermengen liefern Zeitverhältnisse erstaunlich genau.

Die historische Durchführung

Wie Galilei tatsächlich gemessen hat, beschreibt der Dritte Tag der Discorsi ausführlich:

  1. Die Rinne. Ein Holzbalken von etwa zwölf Ellen Länge (rund sieben Meter) erhielt eine schnurgerade Nut, die mit poliertem Pergament ausgekleidet wurde, damit eine harte, gut gerundete Bronzekugel möglichst widerstandsfrei rollt. Die Rinne wurde an einem Ende ein bis zwei Ellen angehoben.
  2. Die Zeitmessung. Während die Kugel lief, floss Wasser aus einem großen Gefäß durch ein dünnes Röhrchen in einen Becher. Das aufgefangene Wasser wurde gewogen; die Wassermenge steht für die verstrichene Zeit. So lassen sich Zeitverhältnisse bestimmen, ohne eine Uhr im heutigen Sinn zu besitzen.
  3. Die Messreihen. Galilei ließ die Kugel die ganze Rinne, dann die halbe, dann ein Viertel und weitere Teilstrecken durchlaufen, jede Messung nach seiner Angabe wohl hundertfach wiederholt. Ergebnis: Die Wege verhalten sich wie die Quadrate der Zeiten, bei jeder untersuchten Neigung.
  4. Der Schluss auf den freien Fall. Da das Gesetz für alle Neigungen dasselbe war, übertrug Galilei es auf den steilsten Grenzfall, den senkrechten Fall. Der freie Fall ist demnach eine gleichmäßig Bewegung wie jede Rinnenfahrt auch.

Beobachtung und damalige Interpretation

Was wurde beobachtet? Bei jeder Neigung und jeder Teilstrecke ergaben die gewogenen Wassermengen dasselbe Muster: Für den vierfachen Weg brauchte die Kugel die doppelte Zeit, für den neunfachen die dreifache. In gleichen Zeitabschnitten wuchsen die Wegstücke wie 1:3:5:71 : 3 : 5 : 7.

Wie hat Galilei das gedeutet? Als Beleg dafür, dass die gleichmäßig mit der Zeit wächst. Das ist die Definition der gleichmäßig beschleunigten Bewegung, und das Quadratgesetz ist ihre rechnerische Folge. Bemerkenswert ist die Reihenfolge seiner Argumentation in den Discorsi: Erst leitet er aus der Annahme der gleichmäßigen das Quadratgesetz her, dann zeigt die Rinne, dass die Natur sich tatsächlich so verhält. Hypothese, Folgerung, Messung: Diese Dreiteilung war das eigentlich Neue.

Wogegen sich das richtete: Mit der Messung war die aristotelische Regel einer gewichtsabhängigen, gleichbleibenden Fallgeschwindigkeit nicht mehr zu halten. Der Fall ist beschleunigt, und das Gesetz der Beschleunigung ist für alle Körper dasselbe.

Zeitleiste

  1. 4. Jh. v. Chr.

    Aristotelische Fallauffassung

    Schwere Körper fallen demnach schneller als leichte, jeder mit gleichbleibender . Diese Lehre prägt die Universitäten fast zwei Jahrtausende.

  2. 1586

    Stevins Turmversuch in Delft

    Simon Stevin lässt zwei verschieden schwere Bleikugeln gleichzeitig fallen; sie schlagen praktisch zugleich auf. Ein Gegenbeleg zur aristotelischen Regel, aber noch kein Bewegungsgesetz.

  3. um 1590

    Galilei in Pisa

    In der unveröffentlichten Schrift De Motu ringt Galilei noch mit der aristotelischen Lehre. Aus dieser Zeit stammt die später von Viviani erzählte Turmlegende.

  4. 1604

    Brief an Paolo Sarpi

    Galilei teilt das Quadratgesetz s∼t2s \sim t^2 brieflich mit, begründet es aber noch falsch ( proportional zum Weg statt zur Zeit); die Korrektur folgt in den Discorsi.

  5. um 1603–1608

    Rinnenversuche in Padua

    Bronzekugel, polierte Rinne, Wasseruhr: Galilei prüft die Zeitverhältnisse zu verschiedenen Teilstrecken bei verschiedenen Neigungen, nach eigener Angabe in vielfacher Wiederholung.

  6. 1638

    Die Discorsi erscheinen

    Im Dritten Tag stehen Rinne, Wasseruhr, Quadratgesetz und die Regel der ungeraden Zahlen. Gedruckt wird in Leiden, außerhalb der Reichweite der Inquisition, die Galilei 1633 verurteilt hatte.

  7. 1687

    Newtons Principia

    Newton erklärt mit seinen Bewegungsgesetzen, warum der Fall gleichmäßig abläuft. Galileis Messbefund wird zum Spezialfall einer umfassenden Mechanik.

  8. 1971

    Hammer und Feder auf dem Mond

    Apollo-15-Astronaut David Scott lässt Hammer und Feder im Vakuum des Mondes fallen: Sie landen gleichzeitig. Galileis Massenunabhängigkeit, sichtbar gemacht vor laufender Kamera.

Die schulische Betrachtung: Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Wie die Wege wachsen: das Fallgesetz an der Rinne

Prüfe an einer geneigten Rinne, ob die zurückgelegten Wege wie die Quadrate der Zeiten wachsen, also s∼t2s \sim t^2 gilt. Das ist Galileis historische Fragestellung mit seiner eigenen Methode (Fall verlangsamen, Verhältnisse prüfen), nur mit Stoppuhr statt Wasseruhr. Ausdrücklich nicht das Ziel: einen Wert für gg zu bestimmen; warum die Rinne das nicht hergibt, klärt die Auswertung.

Gemessen

  • — Weg ab der Startmarke (in )

    Die festen Wegmarken auf der Rinne (im Beispiel 0,25 m bis 2,00 m). Zu jedem Weg wird die zugehörige Laufzeit bestimmt.

  • — Laufzeit bis zur Wegmarke (in )

    Mit der Stoppuhr gemessen, je Marke mehrfach wiederholt und gemittelt, weil die Reaktionszeit einzelne Werte stark verfälscht.

Bekannt

  • — Überhöhung und Rinnenlänge (in )

    Einmal am Aufbau gemessen; sin⁡α=h/L\sin\alpha = h/L legt die Neigung fest (im Beispiel 0,20/2,00=0,100{,}20/2{,}00 = 0{,}10). Die Neigung muss über die ganze Messreihe unverändert bleiben.

Berechnet

  • — Prüfquotient (in )

    Die eigentliche Prüfgröße: Gilt s∼t2s \sim t^2, muss dieser Quotient für alle Wegmarken denselben Wert haben. Er ist zugleich a/2a/2.

  • — Beschleunigung auf der Rinne (in )

    Folgt aus dem konstanten Quotienten als a=2⋅s/t2a = 2 \cdot s/t^2. Sie beschreibt nur genau diese Rinne bei genau dieser Neigung; ein Schluss auf gg ist damit nicht möglich (siehe Auswertung).

Der Weg von der Messung zum Ergebnis:

Für diese Zielsetzung brauchst du:

  • Das Weg-Zeit-Gesetz der gleichmäßig beschleunigten Bewegung; seine Gültigkeit auf der Rinne ist genau das, was geprüft wird.Zur Formelsammlung

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Eine Kugel startet aus der Ruhe auf einer geneigten Rinne (Länge L=2,00 mL = 2{,}00\ \mathrm{m}, Überhöhung h=0,20 mh = 0{,}20\ \mathrm{m}). Miss die Laufzeiten zu den Wegmarken 0,250{,}25, 0,500{,}50, 1,001{,}00, 1,501{,}50 und 2,00 m2{,}00\ \mathrm{m} und prüfe, ob die Wege wie die Quadrate der Zeiten wachsen. Formuliere anschließend, was dieses Ergebnis über den freien Fall aussagt und was nicht.

2Vorbetrachtung

Was erwarten wir, und warum? Wenn die Kugel gleichmäßig wird (die entlang der Rinne ist während der ganzen Fahrt dieselbe), wächst ihre gleichmäßig mit der Zeit. Der Weg wächst dann schneller als die Zeit selbst, denn die Kugel ist in späteren Zeitabschnitten flotter unterwegs als in frühen.

Warum aus gleichmäßiger Beschleunigung s∼t2s \sim t^2 folgt

  1. Gleichmäßig beschleunigt heißt: Die Geschwindigkeit wächst proportional zur Zeit. Nach der Zeit tt ist sie

  2. Der Weg ergibt sich aus der mittleren Geschwindigkeit. Weil vv gleichmäßig von 00 auf a ta\,t anwächst, ist der Mittelwert genau die Hälfte des Endwerts:

  3. Weg gleich mittlere Geschwindigkeit mal Zeit; damit steht das Quadratgesetz da:

  4. Daraus folgt auch Galileis Regel der ungeraden Zahlen: Nach 1,2,3,41, 2, 3, 4 gleichen Zeitabschnitten betragen die Gesamtwege 1,4,9,161, 4, 9, 16 Einheiten, die Wegstücke je Abschnitt also 1,3,5,71, 3, 5, 7 Einheiten. Beide Formulierungen sind dasselbe Gesetz.

3Geräte / Stoffe

Die Geräteliste des Grundaufbaus gilt vollständig. Entscheidend sind eine wirklich gerade Rinne (an der Tischkante entlang peilen), eine feste Unterlage, die während der ganzen Messreihe unverändert bleibt, und sauber geklebte Wegmarken.

  • Gerade Rinne, etwa 2 m (Kabelkanal oder Winkelprofil)

    Führt die Kugel auf einer geraden Bahn und verlangsamt die Fallbewegung so weit, dass sie mit einer Stoppuhr messbar wird. Muss gerade und in sich unverdreht sein, sonst ändert sich die Neigung unterwegs.

  • Kleine Stahl- oder Glaskugel

    Der bewegte Körper. Eine glatte, harte Kugel rollt mit wenig Reibungsverlust; sie startet aus der Ruhe an der oberen Marke.

  • Unterlage (Bücher oder Holzklotz) und Maßband

    Die Unterlage stellt die Neigung her, das Maßband misst Rinnenlänge LL, Überhöhung hh und die Wegmarken. Aus h/Lh/L folgt der Sinus des Neigungswinkels.

  • Stoppuhr (oder Smartphone)

    Misst die Laufzeit tt vom Start bis zur jeweiligen Wegmarke. Jede Messung wird mehrfach wiederholt und gemittelt, weil die Reaktionszeit einzelne Werte verfälscht.

  • Klebeband oder Kreide für Wegmarken

    Markiert die festen Wege ss, zu denen die Zeiten gehören (im Beispiel 0,25 m, 0,50 m, 1,00 m, 1,50 m, 2,00 m ab der Startmarke).

4Skizze des Versuchsaufbaus

Die Skizze zeigt die Rinne als geneigte Gerade: Startmarke oben, die fünf Wegmarken bei 0,250{,}25, 0,500{,}50, 1,001{,}00, 1,501{,}50 und 2,00 m2{,}00\ \mathrm{m}, am unteren Ende die Unterlage mit Überhöhung hh. Eingezeichnet werden LL, hh und die Rollrichtung der Kugel.

Freier Fall: alle 0,2 s ein BlitzStart, t = 019,6 cm0,2 sv = 1,96 m/s58,9 cm0,4 sv = 3,92 m/s98,1 cm0,6 sv = 5,89 m/sDer Weg wächst quadratisch, das Tempo gleichmäßig

Das Muster, um das es geht: Bei einer gleichmäßig beschleunigten Bewegung wachsen die in gleichen Zeitabschnitten zurückgelegten Wege wie 1:3:5:71 : 3 : 5 : 7. Genau diese Regel der ungeraden Zahlen hat Galilei an seiner Rinne gefunden, und sie ist nichts anderes als das Weg-Zeit-Gesetz s∼t2s \sim t^2 in Portionen geschnitten.

Der schulische Aufbau ist bewusst nah am historischen: eine gerade, glatte Rinne von etwa zwei Metern Länge (ein Kabelkanal oder ein Aluminium-Winkelprofil leisten das), an einem Ende einige Zentimeter unterlegt, dazu eine kleine Stahl- oder Glaskugel, ein Maßband und eine Stoppuhr. Entlang der Rinne werden Wegmarken geklebt, an denen die Zeit ab dem Start gemessen wird.

Die Neigung bleibt klein (im Beispiel 20 cm Überhöhung auf 2,00 m Länge). Das ist kein Zugeständnis, sondern der Kern der Methode: Je flacher die Rinne, desto langsamer läuft die Bewegung ab, und desto genauer lässt sie sich mit einfachen Uhren vermessen. Galilei nannte das sinngemäß ein Verdünnen der Schwere.

5Durchführung

Schritt 1: Aufbau einrichten. Rinne gerade auflegen, ein Ende um h=0,20 mh = 0{,}20\ \mathrm{m} unterlegen, Wegmarken abmessen und bekleben. Neigung mit einer Probefahrt prüfen: Die Kugel soll zügig, aber gut verfolgbar rollen.

Schritt 2: Messreihe fahren. Die Kugel an der Startmarke festhalten und ohne Anschub loslassen; gleichzeitig die Stoppuhr starten und beim Passieren der Wegmarke stoppen. Je Wegmarke fünf Läufe, notiert wird jeder Einzelwert.

Schritt 3: Mitteln. Für jede Wegmarke den Mittelwert der fünf Zeiten bilden. Ausreißer (verstolperter Start, verpasste Marke) streichen und den Lauf wiederholen.

6Beobachtung

Die Kugel wird sichtbar gleichmäßig schneller: Am Anfang kriecht sie, unten läuft sie zügig. Schon ohne Rechnung fällt auf, dass sie für die zweite Hälfte der Rinne deutlich weniger Zeit braucht als für die erste.

Laufzeiten (Mittel aus je fünf Läufen, L=2,00 mL = 2{,}00\ \mathrm{m}, h=0,20 mh = 0{,}20\ \mathrm{m})
ss in mtt in s
0,250,85
0,501,19
1,001,69
1,502,07
2,002,39

Beispieldaten zur Veranschaulichung — keine echten Messwerte.

7Auswertung

Schritt 1: Die Prüfgröße bilden. Gilt s=a2t2s = \tfrac{a}{2}t^2, muss s/t2s/t^2 für alle Zeilen denselben Wert haben:

0,250,852=0,350,501,192=0,351,001,692=0,351,502,072=0,352,002,392=0,35\frac{0{,}25}{0{,}85^2} = 0{,}35 \quad \frac{0{,}50}{1{,}19^2} = 0{,}35 \quad \frac{1{,}00}{1{,}69^2} = 0{,}35 \quad \frac{1{,}50}{2{,}07^2} = 0{,}35 \quad \frac{2{,}00}{2{,}39^2} = 0{,}35

(alle Werte in m/s2\mathrm{m/s^2}, gerundet; die Einzelwerte streuen zwischen 0,3460{,}346 und 0,3530{,}353). Der Quotient ist im Rahmen der Messgenauigkeit konstant: Die Wege wachsen wie die Quadrate der Zeiten.

Schritt 2: Gegenprobe mit Verhältnissen, wie Galilei sie führte. Vom Weg 0,50 m0{,}50\ \mathrm{m} zum Weg 2,00 m2{,}00\ \mathrm{m} vervierfacht sich die Strecke; die Zeit wächst von 1,19 s1{,}19\ \mathrm{s} auf 2,39 s2{,}39\ \mathrm{s}, also auf das 2,02{,}0-fache. Vierfacher Weg, doppelte Zeit: genau das Quadratmuster.

Schritt 3: Die dieser Rinne.

a=2⋅st2=2⋅0,35 ms2=0,70 ms2a = 2 \cdot \frac{s}{t^2} = 2 \cdot 0{,}35\ \mathrm{\frac{m}{s^2}} = 0{,}70\ \mathrm{\frac{m}{s^2}}

8Fazit

Die Messreihe bestätigt Galileis Fallgesetz: s/t2s/t^2 ist über alle Wegmarken konstant, die Wege wachsen wie die Quadrate der Zeiten, und die Kugel bewegt sich auf der Rinne gleichmäßig mit a≈0,70 m/s2a \approx 0{,}70\ \mathrm{m/s^2}. Da die Neigung nur die Stärke der Beschleunigung ändert, nicht die Form des Gesetzes, trägt das Ergebnis bis zum senkrechten Grenzfall: Auch der freie Fall ist eine gleichmäßig beschleunigte Bewegung. Was die Rinne nicht liefert, ist der Zahlenwert von gg; dafür ist die Rollbewegung verantwortlich, nicht die Messgenauigkeit.

9Fehlerbetrachtung

Die Fehlerquellen dieser Messung liegen fast vollständig bei der Zeitmessung von Hand und an der Geometrie der Rinne. Sie verschieben die Zeiten in charakteristischer Weise, und einige davon fallen bei der Verhältnisprüfung heraus, andere nicht.

Reaktionszeit an Start und Wegmarkeeher zufällig

Ursache

Uhrstart und Uhrstopp erfolgen von Hand; typische Reaktionszeiten von ein bis zwei Zehntelsekunden verschieben beide Zeitpunkte.

Auswirkung

Zufällige Streuung der Einzelzeiten von einigen Hundertstel- bis Zehntelsekunden. Bei den kurzen Zeiten (erste Wegmarke) wiegt das relativ am schwersten; dort streut s/t2s/t^2 deshalb am stärksten.

Verbesserung

Fünf oder mehr Läufe je Marke mitteln; Start durch dieselbe Person auslösen, die die Uhr bedient; wo vorhanden, Lichtschranken verwenden.

Unsauberer Start (Anschub oder verzögertes Loslassen)eher systematisch

Ursache

Die Kugel bekommt beim Loslassen einen kleinen mit oder klebt kurz an der Hand; die Bewegung beginnt dann nicht aus der Ruhe bzw. nicht beim Uhrstart.

Auswirkung

Systematische Verschiebung aller Zeiten derselben Messreihe: Mit Anschub sind alle tt zu klein und s/t2s/t^2 zu groß, insbesondere bei den kurzen Wegen. Der Quotient wirkt dann nicht mehr konstant, sondern fällt zu den langen Wegen hin ab.

Verbesserung

Kugel gegen ein Lineal an der Startmarke legen und das Lineal wegziehen statt die Kugel loszulassen; Startvorgang vor der Messreihe einüben.

Rinne nicht gerade oder Neigung verändert sicheher systematisch

Ursache

Ein durchhängender Kabelkanal oder eine verrutschte Unterlage machen die entlang der Bahn ungleichmäßig.

Auswirkung

Das Quadratgesetz gilt streckenweise mit verschiedenen aa; der Prüfquotient wird wegabhängig, obwohl die Bewegung an jeder Stelle ist. Ein echter Gesetzesverstoß lässt sich davon ohne Kontrolle des Aufbaus nicht unterscheiden.

Verbesserung

Rinne vor der Messung entlang peilen und mittig abstützen; Unterlage fixieren und die Überhöhung nach der halben Messreihe nachmessen.

Kugel rutscht statt zu rolleneher systematisch

Ursache

Bei zu steiler Neigung oder glatter, staubiger Rinne reicht die nicht mehr; die Kugel gleitet teilweise.

Auswirkung

Der Faktor zwischen gsin⁡αg \sin\alpha und der tatsächlichen liegt dann nicht mehr fest bei 57\tfrac{5}{7}, sondern hängt vom Rutschanteil ab; Messreihen bei verschiedenen Neigungen werden untereinander unvergleichbar.

Verbesserung

Flache Neigungen verwenden (wie im Beispiel) und die Rinne sauber halten; ein kurzer Blick auf die rollende Kugel zeigt Durchrutschen als Flackern der Drehbewegung.

Warum ist dieses Experiment wichtig?

Die Bedeutung liegt auf drei Ebenen:

  1. Das erste quantitative Bewegungsgesetz. s∼t2s \sim t^2 ist die früheste durch Messung geprüfte mathematische Beschreibung einer Bewegung. Sie gilt unverändert; heute schreibt man s=a2 t2s = \tfrac{a}{2}\, t^2.
  2. Eine neue Arbeitsweise. Verlangsamen, messen, Verhältnisse prüfen, wiederholen: Die Rinne führte vor, wie man eine unhandliche Naturerscheinung durch einen klugen Aufbau messbar macht. Diese Methode, nicht ein einzelnes Ergebnis, machte die experimentelle Physik aus.
  3. Das Fundament für Newton. Die gleichmäßig Fallbewegung wurde ein halbes Jahrhundert später zum Prüfstein von Newtons Mechanik: Das zweite erklärt, warum der Fall so abläuft, wie Galilei gemessen hatte.

Was kam danach?

Nach Galilei wurde aus der Formfrage eine Präzisionsfrage. Christiaan Huygens vermaß mit Pendeln die Stärke der Schwere und baute darauf 1656 die Pendeluhr. George Atwood entwickelte 1784 die nach ihm benannte Fallmaschine, die den Fall wie die Rinne verlangsamt, aber ohne Rollbewegung auskommt und darum auch den Zahlenwert der Fallbeschleunigung zugänglich macht. Mit elektrischen Uhren, Lichtschranken und schließlich Fallversuchen im Vakuum wurde gg immer genauer; heute messen Absolutgravimeter den freien Fall eines Spiegels im Vakuum interferometrisch auf neun Stellen.

Wie verstehen wir das Experiment heute?

Aus heutiger Sicht kommen zwei Einordnungen hinzu, die Galilei nicht kennen konnte:

  • Die rollende Kugel ist langsamer als der gleitende Körper. Ein Teil der zugeführten steckt in der Drehung der Kugel. Für eine massive Kugel gilt a=57 gsin⁡αa = \tfrac{5}{7}\, g \sin\alpha statt gsin⁡αg \sin\alpha. An den Verhältnissen, die Galilei prüfte, ändert dieser konstante Faktor nichts; sein Quadratgesetz blieb davon unberührt. Wer aber aus Rinnenmessungen gg berechnen wollte, erhielte systematisch einen um den Faktor 57\tfrac{5}{7} zu kleinen Wert. Dass Galilei nur die Gesetzesform behauptete und keinen Zahlenwert, erweist sich damit nachträglich als genau richtig dosierte Vorsicht.
  • Das Fallgesetz wurde zum Prüfstein der Physik überhaupt. Die Massenunabhängigkeit des Falls, bei Galilei ein Messbefund, ist in Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie zum Grundprinzip erhoben (Äquivalenzprinzip) und wird bis heute mit wachsender Genauigkeit getestet, zuletzt durch die Satellitenmission MICROSCOPE (Ergebnis 2022: bestätigt auf etwa 10−1510^{-15}).

Quellen

Die historischen Aussagen dieser Seite stützen sich auf die folgenden Quellen. Die Darstellung ist eigenständig didaktisch aufbereitet und keine Übernahme der Texte.

  • Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze (Dritter Tag: Fallgesetz und Rinnenversuch) — Galileo Galilei (1638), Elzevier, Leiden; deutsch in Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften
  • Brief an Paolo Sarpi vom 16. Oktober 1604 (erste Mitteilung des Quadratgesetzes) — Galileo Galilei (1604), Le Opere di Galileo Galilei, Edizione Nazionale, Bd. X
  • Galileo at Work: His Scientific Biography — Stillman Drake (1978), University of Chicago Press
  • Racconto istorico della vita di Galileo (Quelle der Turmlegende, verfasst 1654) — Vincenzo Viviani (1717), in: Fasti consolari dell'Accademia Fiorentina
  • Museo Galileo, Florenz: Rekonstruktion der Fallrinne (inclined plane), Museo Galileo, Istituto e Museo di Storia della Scienza Zur Quelle

Das Wichtigste

Historische Frage

Nach welchem Gesetz wird ein fallender Körper schneller? Vor Galilei wurde diese Frage durch Nachdenken beantwortet, nicht durch Messen.

Idee

Den Fall auf einer flach geneigten Rinne verlangsamen, bis er messbar wird. Die Art der Bewegung bleibt dieselbe, der senkrechte Fall ist nur ihr steilster Grenzfall.

Zentrales Ergebnis

Die Wege wachsen wie die Quadrate der Zeiten: s∼t2s \sim t^2. Gleichwertig dazu die Regel der ungeraden Zahlen: In gleichen Zeitabschnitten verhalten sich die Wegstücke wie 1:3:5:71 : 3 : 5 : 7.

Was Galilei nicht bestimmt hat

Einen Zahlenwert der Fallbeschleunigung gg. Sein Ergebnis ist die Form des Gesetzes, nicht die Konstante darin; das war die eigentliche Entdeckung.

Grenze der Rinne (heutige Sicht)

Eine rollende Kugel wird schwächer als ein gleitender Körper: a=57 gsin⁡αa = \tfrac{5}{7}\, g \sin\alpha statt gsin⁡αg \sin\alpha, weil ein Teil der in die Drehung geht. Am Quadratgesetz ändert das nichts, aber die Rinne taugt deshalb nicht zur gg-Bestimmung.

Bedeutung

Der Übergang zur messenden Physik: Ein Bewegungsgesetz wird nicht mehr behauptet, sondern an einer Messreihe geprüft. Newton baute die Mechanik später auf genau diesem Fundament.

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