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Schmelzen von Eis

SchulversuchWärmelehre / ThermodynamikKlasse 8Standard

Worum geht es?

Beim Schmelzen passiert etwas scheinbar Unmögliches: Es fließt hinein, aber die steigt nicht. Die steckt komplett im Umbau. Sie bricht die Bindungen des Eisgitters auf, statt die Teilchen schneller zu machen. Der Preis dieses Umbaus heißt Schmelzwärme λs\lambda_\mathrm{s}, und sie ist gewaltig: Eis zu schmelzen kostet so viel Energie, wie dasselbe Wasser um 80 Grad zu erwärmen.

Warum macht man dieses Experiment?

Der Haltepunkt widerlegt die naheliegendste Fehlvorstellung der Wärmelehre („ rein heißt rauf“) mit einer einzigen Kurve und trennt damit die Begriffe Wärme und Temperatur sauber voneinander. Ganz praktisch erklärt die riesige Schmelzwärme, warum Eiswürfel Getränke so lange kühlen, warum Schneeberge bis Juni liegen und warum Glatteis so zäh weggetaut werden muss.

Die physikalische Idee

Variante 1: Eiswasser wird gleichmäßig geheizt, die Temperaturkurve über der Zeit zeigt das Plateau bei 0 °C, solange noch Eis da ist. Variante 2 macht daraus eine Messung: Abgewogenes 0-°C-Eis kommt in warmes Wasser; aus der (überraschend tiefen) Mischtemperatur liefert die Energiebilanz aus dem Mischtemperatur-Experiment den Wert von λs\lambda_\mathrm{s}.

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

  • Mischtemperatur und Energiebilanz (Experiment)
  • Spezifische Wärmekapazität (Experiment)
  • Aggregatzustände

Wissenschaftliche Einordnung

Joseph Black entdeckte um 1760 genau an diesem Plateau die „latente“ (verborgene) : Wärme, die verschwindet, ohne das Thermometer zu bewegen. Damit war zum ersten Mal klar zwischen Wärme und unterschieden. Sein Schüler James Watt nutzte die riesige Umwandlungswärme des Wasserdampfs wenig später für die Dampfmaschine.

Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Die Schmelzwärme von Eis bestimmen

Bestimme die spezifische Schmelzwärme λs\lambda_\mathrm{s} von Eis mit der Mischmethode im Styroporbecher.

Gesucht

  • — spezifische Schmelzwärme (in )

    Der Energiepreis des Gitterabbaus je Kilogramm, unser Ziel.

Gemessen

  • — Masse des warmen Wassers (in )

    Bestimmt die verfügbare Abkühl-Energie.

  • — Masse des Eises (in )

    Teilt am Ende die Bilanz und geht direkt in λ ein.

  • — Anfangs- und Mischtemperatur (in )

    Die Temperaturspanne liefert beide Seiten der Energiebilanz.

Bekannt

  • — spezifische Wärmekapazität von Wasser (in )

    Aus dem Wärmekapazitäts-Experiment: 4190 J/(kg⋅K)4190\ \mathrm{J/(kg \cdot K)}.

Der Weg von der Messung zum Ergebnis:

Für diese Zielsetzung brauchst du:

  • Definiert die Schmelzwärme als Umwandlungsenergie je Kilogramm. Das ist die gesuchte Stoffkennzahl.Zur Formelsammlung
  • Die Energiebilanz: Das warme Wasser bezahlt zwei Posten, das Schmelzen und das Aufwärmen des entstandenen Schmelzwassers von 0 °C auf die Mischtemperatur.Zur Formelsammlung

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Gib 50 g abgetropftes 0-°C-Eis in 200 g Wasser von 40,0 °C im Styroporbecher, miss die Mischtemperatur nach vollständigem Schmelzen und berechne daraus die Schmelzwärme von Eis.

2Vorbetrachtung

Erst die falsche Vorhersage, dann die richtige: Behandeln wir das Eis probeweise so, als wäre es 0 °C kaltes Wasser, dann liefert die Mischungsregel aus dem Mischtemperatur-Experiment:

ϑm=0,200⋅40+0,050⋅00,250 ∘C=32,0 ∘C\vartheta_\mathrm{m} = \frac{0{,}200 \cdot 40 + 0{,}050 \cdot 0}{0{,}250}\ \mathrm{^\circ C} = 32{,}0\ \mathrm{^\circ C}

Landet die Messung deutlich tiefer, dann ist der Fehlbetrag nichts anderes als die sichtbar gemachte Schmelzwärme: , die das warme Wasser fürs Aufbrechen des Gitters bezahlen musste, bevor überhaupt gemischt werden konnte.

Die ehrliche Bilanz hat drei Posten: Das warme Wasser kühlt von ϑw\vartheta_\mathrm{w} auf ϑm\vartheta_\mathrm{m} ab und gibt dabei mwc(ϑw−ϑm)m_\mathrm{w} c (\vartheta_\mathrm{w} - \vartheta_\mathrm{m}) ab. Damit wird erstens das Eis geschmolzen (λsme\lambda_\mathrm{s} m_\mathrm{e}) und zweitens das frisch entstandene Schmelzwasser von 0 °C auf ϑm\vartheta_\mathrm{m} erwärmt (mec ϑmm_\mathrm{e} c \, \vartheta_\mathrm{m}). Diesen zweiten Posten vergisst man leicht, dabei macht er hier immerhin gut 3 kJ aus. Nach λs\lambda_\mathrm{s} aufgelöst steht die Messkette da.

Warum das Eis nass sein muss: Nur Eis, das schon anschmilzt, hat sicher 0 °C. Trockenes Tiefkühl-Eis (−18 °C) bräuchte einen vierten Bilanzposten, und sein c ist ein anderes als das von Wasser.

3Geräte / Stoffe

Lagere das Eis im Eiswasserbad und tupfe es vor dem Wiegen kurz ab, denn anhaftendes Wasser zählt sonst als Eis. Styroporbecher mit Deckel verwenden und zügig arbeiten, damit der Becher nicht nebenbei an den Raum verliert.

  • Heizplatte mit Becherglas

    Gleichmäßige Wärmezufuhr für die Schmelzkurve.

  • Digitalthermometer

    Zeigt das Plateau, die zentrale Beobachtung dieses Versuchs.

  • Styroporbecher (Kalorimeter)

    Hält die Energiebilanz der Mischmethode dicht, weil kaum mit der Umgebung ausgetauscht wird.

  • Waage (0,1 g)

    Die tragen die ganze Rechnung von Variante 2.

  • Rührstab und Stoppuhr

    Durchmischen und Zeittakt für die Kurve.

  • Eiswasserbad

    Bringt das Eis vor dem Einwurf sicher auf genau 0 °C.

4Skizze des Versuchsaufbaus

Styroporbecher mit 200 g Wasser (40 °C), Pfeil für einfallendes Eisstück, Thermometer durch den Deckel; daneben die Bilanz als Energie-Pfeildiagramm: ein Abgabepfeil, zwei Empfängerpfeile (Schmelzen, Aufwärmen).

Am Haltepunkt steigt die Temperatur nicht, trotz Heizen1 kg Wasser, gleichmäßig geheizt. Achse: zugeführte Wärme.Beide Plateaus sind so lang wie die Wärme, die sie kosten.01000200030000100Q in kJϑ in °Cschmelzen: 334 kJverdampfen: 2257 kJDie Wärme steckt in der Umwandlung, nicht in der Temperatur

Die Heizkurve von Wasser mit ihren Plateaus: Während eines Übergangs (Schmelzen, Sieden) steht die still. Die zugeführte arbeitet dann am Umbau des Teilchenverbands, nicht am Tempo der Teilchen.

Aufbau: Becherglas mit zerstoßenem Eis und wenig Wasser auf der Heizplatte, Digitalthermometer, Stoppuhr, Rührstab; für Variante 2 zusätzlich Waage, Styroporbecher (Kalorimeter) und abgetropftes 0-°C-Eis.

5Durchführung

Bringe 200 g Wasser auf etwa 40 °C, fülle es in den Becher und miss ϑw\vartheta_\mathrm{w} genau. Gib 50,0 g abgetupftes 0-°C-Eis dazu, Deckel drauf, rühren. Beobachte die , bis alles geschmolzen ist und die Anzeige stillsteht: Das ist ϑm\vartheta_\mathrm{m}.

6Beobachtung

Messwerte der Mischmethode
GrößeWert
mwm_\mathrm{w} (warmes Wasser)0,200 kg0{,}200\ \mathrm{kg}
ϑw\vartheta_\mathrm{w}40,0 ∘C40{,}0\ \mathrm{^\circ C}
mem_\mathrm{e} (Eis, 0 °C)0,050 kg0{,}050\ \mathrm{kg}
ϑm\vartheta_\mathrm{m} (nach Schmelzende)16,1 ∘C16{,}1\ \mathrm{^\circ C}

Beispieldaten zur Veranschaulichung — keine echten Messwerte.

Statt der „naiven“ 32 °C zeigt das Thermometer nur 16,1 °C. Die Hälfte der erwarteten Endtemperatur fehlt, verschluckt vom Schmelzen von gerade einmal 50 g Eis.

7Auswertung

Die Bilanz auflösen: Abgegeben hat das warme Wasser

Qab=0,200 kg⋅4190 Jkg⋅K⋅(40,0−16,1) K≈20 000 J.Q_\mathrm{ab} = 0{,}200\ \mathrm{kg} \cdot 4190\ \tfrac{\mathrm{J}}{\mathrm{kg \cdot K}} \cdot (40{,}0 - 16{,}1)\ \mathrm{K} \approx 20\,000\ \mathrm{J}.

Davon ging ins Aufwärmen des Schmelzwassers:

Qauf=0,050 kg⋅4190 Jkg⋅K⋅16,1 K≈3400 J.Q_\mathrm{auf} = 0{,}050\ \mathrm{kg} \cdot 4190\ \tfrac{\mathrm{J}}{\mathrm{kg \cdot K}} \cdot 16{,}1\ \mathrm{K} \approx 3400\ \mathrm{J}.

Der Rest, rund 16 600 J16\,600\ \mathrm{J}, hat 50 g Eis geschmolzen:

λs=16 600 J0,050 kg≈3,3⋅105 Jkg\lambda_\mathrm{s} = \frac{16\,600\ \mathrm{J}}{0{,}050\ \mathrm{kg}} \approx 3{,}3 \cdot 10^{5}\ \frac{\mathrm{J}}{\mathrm{kg}}

Der Tabellenwert liegt bei 334 kJ/kg334\ \mathrm{kJ/kg}. Unsere Messung trifft ihn auf etwa ein Prozent.

Die Zahl einordnen: 334 kJ schmelzen ein Kilogramm Eis. Dieselbe würde das entstandene Wasser um 334 000/4190≈80 K334\,000 / 4190 \approx 80\ \mathrm{K} erwärmen. Der reine Umbau von fest zu flüssig, ganz ohne Temperaturgewinn, kostet also so viel wie der Weg von 0 °C bis fast zum Sieden. Das erklärt den langen Haltepunkt aus Variante 1, die Ausdauer von Eiswürfeln im Getränk und auch, warum Streufahrzeuge gegen Glatteis chemisch (mit Salz) statt thermisch vorgehen.

8Fazit

Die Mischmethode liefert λs≈3,3⋅105 J/kg\lambda_\mathrm{s} \approx 3{,}3 \cdot 10^{5}\ \mathrm{J/kg}, nahe am Tabellenwert 334 kJ/kg334\ \mathrm{kJ/kg}. Schmelzen kostet je Kilogramm so viel wie 80 K Erwärmung. Der Haltepunkt aus Variante 1 hat damit seine Zahl bekommen.

9Fehlerbetrachtung

Die Bilanzmethode erbt die Fehlerquellen des Mischtemperatur-Experiments und fügt eigene hinzu:

Anhaftendes Wasser am Eiseher systematisch

Ursache

Nicht abgetupft, ein Teil der gewogenen „Eismasse“ ist schon flüssig.

Auswirkung

Es wird weniger geschmolzen als gerechnet, λs\lambda_\mathrm{s} fällt zu klein aus.

Verbesserung

Eis kurz auf Küchenpapier abtropfen, sofort wiegen und einwerfen.

Eis kälter als 0 °Ceher systematisch

Ursache

Direkt aus dem Tiefkühlfach statt aus dem Eiswasserbad.

Auswirkung

Zusätzliche Aufwärm-Energie wird dem Schmelzen zugeschlagen, λs\lambda_\mathrm{s} fällt zu groß aus.

Verbesserung

Eis im Eiswasserbad auf 0 °C bringen (es schwimmt anschmelzend darin).

Becher- und Umgebungsverlusteeher systematisch

Ursache

Der Becher nimmt selbst auf; bei langer Schmelzdauer sickert Wärme aus dem Raum ein.

Auswirkung

Beide Effekte verfälschen die Bilanz in Gegenrichtungen um einige Prozent.

Verbesserung

Styropor mit Deckel, kleines Eisstückformat für schnelles Schmelzen, zügig messen.

Das Wichtigste

Der Haltepunkt

Solange Eis und Wasser gemeinsam vorliegen, bleibt die bei 0 °C stehen, egal wie stark geheizt wird. Erst wenn das letzte Eis weg ist, steigt sie wieder.

Wohin die Wärme geht

Während des Plateaus arbeitet die am Abbau des Eisgitters. Sie löst Teilchen aus dem festen Verband, statt sie schneller zu machen: Umwandlungsenergie statt Temperaturerhöhung.

Die Größe der Zahl

λs≈334 kJ/kg\lambda_\mathrm{s} \approx 334\ \mathrm{kJ/kg}. Eis zu schmelzen kostet so viel, wie dasselbe Wasser von 0 auf 80 °C zu heizen. Deshalb kühlen Eiswürfel so nachhaltig.

Messidee Mischmethode

Eis in warmes Wasser geben, Mischtemperatur messen. Die Energiebilanz (abgegebene = Schmelzen + Aufwärmen des Schmelzwassers) liefert λ ohne jedes Spezialgerät.

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