Sieden und Siedetemperatur
Worum geht es?
Sieden ist Verdampfen im Inneren der Flüssigkeit: Dampfblasen entstehen im ganzen Volumen, und das geht erst, wenn der Dampfdruck in den Blasen gegen den äußeren bestehen kann. Deshalb hat Sieden eine feste (bei Normaldruck 100 °C, unser zweiter Fixpunkt), und deshalb hängt diese Temperatur am Luftdruck: absenkbar mit einer Spritze, steigerbar im Schnellkochtopf.
Warum macht man dieses Experiment?
Das Siede-Plateau ist der Zwilling des Schmelz-Haltepunkts und vollendet das Bild „Umwandlung frisst ohne Temperaturgewinn“. Die Druckabhängigkeit erklärt Alltag und Technik in einem Zug: warum Nudeln auf der Zugspitze länger brauchen, wie der Schnellkochtopf Zeit spart, warum man Siedeverzug fürchtet. Und sie zeigt, dass „100 °C“ eine Aussage über den ist, nicht über das Wasser allein.
Die physikalische Idee
Variante 1 heizt Wasser bis weit übers Sprudeln hinaus und protokolliert die Temperaturkurve: Anstieg, dann Plateau, das auch bei voller Heizleistung hält. Variante 2 senkt den , statt die zu erhöhen: Handwarmes Wasser in der verschlossenen Spritze siedet beim Ziehen am Kolben sichtbar auf und hört beim Loslassen sofort wieder auf.
Benötigtes Vorwissen
Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.
- Schmelzen von Eis (Experiment: Haltepunkt)
- Verdampfen und Kondensieren (Experiment)
- Temperatur messen: Fixpunkte (Experiment)
Wissenschaftliche Einordnung
Dass Bergluft den Siedepunkt senkt, vermaßen Forscher schon im 18. Jahrhundert so verlässlich, dass „Siedethermometer“ als Höhenmesser dienten: ein Grad weniger je 300 Höhenmeter. Denis Papins „Digesteur“ (1679), der Ur-Schnellkochtopf, nutzte die Gegenrichtung (mehr , mehr ), lange bevor die Theorie dazu stand.
Versuchsziel
Was möchtest du untersuchen?
Aktuelles Versuchsziel
Die Siedekurve: das Plateau bei 100 °C
Nimm die Temperaturkurve von Wasser bis übers Sieden hinaus auf und zeige, dass die Siedetemperatur trotz voller Heizleistung nicht überschritten wird.
Gemessen
- — Wassertemperatur (in )
Ihr Verlauf zeigt Anstieg und Plateau.
- — Zeit (in )
Fester Ablesetakt macht die Kurve vergleichbar.
Für diese Zielsetzung brauchst du:
- Erklärt das Plateau: Ab Siedebeginn fließt die gesamte Heizenergie in die Verdampfung, 2256 kJ je Kilogramm.Zur Formelsammlung
Versuchsprotokoll
So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.
1Aufgabenstellung
Erhitze 300 ml Wasser mit konstanter Heizstufe, miss alle 30 Sekunden die und führe die Messung nach Siedebeginn noch mindestens fünf Minuten bei voller Heizleistung fort.
2Vorbetrachtung
Die Erwartung nach dem Schmelz-Experiment: Dort stoppte die , solange ein Umbau lief (fest zu flüssig). Sieden ist ebenfalls ein Umbau (flüssig zu gasförmig). Also sollte die Kurve wieder in ein Plateau laufen, diesmal oben bei etwa 100 °C, und dort bleiben, bis das Wasser verkocht ist. Die Verdampfungswärme ist mit 2256 kJ/kg fast siebenmal größer als die Schmelzwärme; das Plateau müsste, gleiche Heizleistung vorausgesetzt, entsprechend zäher sein.
Worauf beim Blasenbild zu achten ist: Lange vor dem Sieden steigen kleine Bläschen auf. Das ist gelöste Luft, die beim Erwärmen austritt, noch kein Sieden. Echtes Sieden erkennt man an großen, im ganzen Volumen entstehenden Dampfblasen und am Stillstand des Thermometers. Beides gehört zusammen protokolliert.
3Geräte / Stoffe
Siedesteinchen von Anfang an zugeben (sie liefern Keimstellen für Dampfblasen und verhindern Siedeverzug); Thermometerfühler mittig ins Wasser, ohne Boden- oder Wandkontakt.
Heizplatte, Becherglas, Siedesteinchen
Kontrolliertes Sieden ohne Siedeverzug für die Kurve.
Digitalthermometer im Stativ
Misst das Plateau: freihändig wäre es Verbrühungsgefahr.
Kunststoffspritze mit Verschluss
Die Vakuumpumpe für die Hosentasche: Ziehen am Kolben senkt den über dem Wasser.
Becher mit 55-°C-Wasser
Befüllt die Spritze mit heißem, aber nicht siedendem Wasser.
4Skizze des Versuchsaufbaus
Becherglas auf Heizplatte, Thermometer im Stativ mittig, Siedesteinchen am Boden; daneben t-ϑ-Achsenkreuz mit erwartetem Knick ins Plateau.
Die Heizkurve von Wasser: Nach dem Schmelz-Plateau bei 0 °C folgt bei Normaldruck das Siede-Plateau bei 100 °C. Dort verschwindet die Heizenergie vollständig in der Verdampfung.
Aufbau Variante 1: Becherglas mit Wasser und Siedesteinchen auf der Heizplatte, Digitalthermometer im Stativ, Stoppuhr. Variante 2: Kunststoffspritze (20 bis 60 ml, ohne Kanüle!) mit Verschlusskappe oder Fingerdichtung, Becher mit etwa 55 °C warmem Wasser.
5Durchführung
Starttemperatur notieren, Heizplatte auf feste Stufe; alle 30 s ablesen und das Blasenbild stichwortartig notieren; bei Siedebeginn auf volle schalten und weitere 5 min messen.
6Beobachtung
| Zeit in min | in | Blasenbild |
|---|---|---|
| 0 | 20,1 | ruhig |
| 2 | 44,8 | feine Luftbläschen an Wand und Steinchen |
| 4 | 69,7 | Bläschen steigen auf |
| 6 | 93,5 | erste große Blasen, hörbares Brodeln |
| 7 | 99,2 | kräftiges Sprudeln im ganzen Volumen |
| 9 (volle Leistung) | 99,4 | heftigeres Sprudeln, viel Dampf |
| 12 (volle Leistung) | 99,4 | unverändert, Wasserstand sinkt sichtbar |
Beispieldaten zur Veranschaulichung — keine echten Messwerte.
Das Hochschalten auf volle ändert die um keinen Zehntelgrad: Es sprudelt nur wilder, und der Wasserstand fällt schneller.
7Auswertung
Das Plateau deuten: Ab Siedebeginn hat die Heizenergie einen Abnehmer, der beliebig viel schluckt: die Verdampfung. Jedes zusätzliche Watt verdampft mehr Wasser pro Sekunde (), statt die zu heben: Sichtbar am wilderen Sprudeln und am schneller sinkenden Wasserstand bei exakt gleicher Anzeige. Flüssiges Wasser kann unter diesem schlicht nicht heißer werden: Überschüssige verlässt den Topf als Dampf.
Warum 99,4 statt glatt 100,0: Der Siedepunkt hängt am Luftdruck (Variante 2 zeigt es drastisch). An einem Tiefdrucktag oder in höherer Lage liegt er ein Stück unter 100 °C, hier gut ein halbes Grad. Dazu kommt die Toleranz des Fühlers. Die Abweichung ist also kein Messfehler, sondern selbst Physik: „100 °C“ gilt exakt nur bei Normaldruck.
Konsequenz für die Küche: „Auf großer Flamme kocht es heißer“ ist damit widerlegt. Ab dem Sprudeln gart alles bei derselben Temperatur; mehr verschwendet nur Energie und Wasser. Herunterschalten auf „gerade noch sprudelnd“ gart genauso schnell.
8Fazit
Siedendes Wasser hält seine Siedetemperatur (hier 99,4 °C) unabhängig von der Heizleistung; alle weitere geht in die Verdampfung. Das Plateau ist der zweite Fixpunkt der Celsius-Skala und der Beweis, dass „mehr Flamme“ nichts heißer kocht.
9Fehlerbetrachtung
Die Plateau-Aussage ist robust, die Feinheiten sind es nicht:
Fühler im Dampfraum oder an der Glaswandeher systematisch
- Ursache
Falsche Fühlerposition misst Dampf bzw. die heißere Wand.
- Auswirkung
Plateau-Wert verschoben, Kurve unruhig.
- Verbesserung
Fühler mittig im Wasser fixieren, Position während der Messung nicht ändern.
Siedeverzug (ohne Siedesteinchen)eher systematisch
- Ursache
Ohne Keimstellen überhitzt das Wasser örtlich über den Siedepunkt und verdampft dann schlagartig.
- Auswirkung
Die überschießt kurz, heißes Wasser kann spritzen: ein Mess- und zugleich ein Sicherheitsproblem.
- Verbesserung
Siedesteinchen vor dem Erhitzen zugeben, nie in heißes Wasser nachwerfen.
Luftbläschen als Siedebeginn gewertet
- Ursache
Ausgasende Luft ab ~40 °C ähnelt frühem Sieden.
- Auswirkung
Siedebeginn zu früh protokolliert.
- Verbesserung
Siedebeginn erst notieren, wenn großblasiges Sprudeln und Temperaturstillstand zusammenkommen.
Das Wichtigste
- Das Siede-Plateau
Ab Siedebeginn bleibt die stehen (bei Normaldruck ~100 °C). Mehr Heizleistung macht das Wasser nicht heißer, sondern verdampft es nur schneller: der zweite Fixpunkt der Celsius-Skala.
- Was Sieden ist
Verdampfen im Inneren. Dampfblasen können erst wachsen, wenn ihr Dampfdruck den äußeren erreicht, und das legt die Siedetemperatur fest.
- Druck regiert den Siedepunkt
Weniger heißt früheres Sieden (Spritze: 55 °C reichen; Zugspitze: ~90 °C). Mehr Druck heißt späteres Sieden (Schnellkochtopf: ~117 °C, darum gart er schneller).
- „100 °C“ ist eine Druckangabe
Die vertraute Zahl gilt nur bei Normaldruck auf Meereshöhe. Wer Fixpunkte kalibriert (Temperatur-Experiment), muss den Luftdruck kennen.